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Warleberger Hof beleuchtet „NS-Geschichte im
Spiegel des Kieler Museumsbestandes“

Meldung vom 10. Februar 2017

Kieler Stadtmuseum zeigt Ausstellung „Sammeln und Erinnern“

An die Zeit des Nationalsozialismus kann immer seltener durch Zeitzeugen erinnert werden. Geschichtseinrichtungen stehen dadurch vor neuen Herausforderungen. In Kiel wird seit den frühen 1980er Jahren über den städtischen Umgang mit der NS-Vergangenheit und über Konzepte der Erinnerungskultur diskutiert. Seit dieser Zeit sammelt auch das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Objekte zur Geschichte des Nationalsozialismus, die verschiedene Aspekte der Politik, der Ideologie und des Alltags innerhalb des Regimes verdeutlichen.

Die Ausstellung „Sammeln und Erinnern. NS-Geschichte im Spiegel des Kieler Museumsbestandes“ im Warleberger Hof (12. Februar bis 5. Juni) möchte rund 150 Exponate mit regionalem und überregionalem Bezug vorstellen und diskutieren, welchen Beitrag die Sammlung zur städtischen NS-Erinnerungskultur leisten kann.

Sammelfiguren aus der NS-Zeit
Eröffnet wird die Ausstellung am Sonntag, 12. Februar, um 11.30 Uhr von Kiels Stadtpräsidenten Hans-Werner Tovar, Dr. Doris Tillmann (Direktorin des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums) und Katja Töpfer (Museumsvolontärin und Kuratorin der Ausstellung). Im Begleitprogramm werden unter anderem ein kommentiertes Kinoprogramm in der Pumpe und spezielle Führungen für Schulklassen angeboten.

Die Ausstellung zeigt keine lückenlose Chronik der NS-Geschichte. Vielmehr möchte sie einen Impuls für eine weitere sachzeugnisbasierte Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus in und außerhalb Kiels geben. Sie präsentiert in 14 Themenbereichen eine Auswahl aus dem NS-Sammlungsbestand und zeigt auf, wo Schwerpunkte und wo inhaltliche Lücken bestehen.

Für Kuratorin Katja Töpfer standen einige Grundfragen im Mittelpunkt der Ausstellungskonzeption: Welche Arten von Objekten sind vorhanden und welche historischen Inhalte vermitteln sie? Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen ihres Vermittlungspotenzials? Was sagen sie über den sammlungsbezogenen Umgang mit NS-Geschichte aus? Welche Themenkomplexe zum Nationalsozialismus in Kiel und darüber hinaus werden repräsentiert?

Die Sammlung des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums verfügt über rund 1.000 Objekte mit regionalem und überregionalem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus. Diese werden seit den späten 1970er und vor allem frühen 1980er Jahren gesammelt. Dieser Bestand erweitert sich stetig: Nach wie vor kommen Objekte mit NS-Bezug in die Museumssammlung, meist durch Schenkungen von Kielerinnen und Kielern oder durch Ankäufe. 

Die Museumsobjekte verdeutlichen als sachkulturelle Zeugnisse verschiedene Aspekte der NS-Geschichte. Vor allem zeigen sie, auf welch subtile Weise die NS-Ideologie und -Herrschaft funktionierte und wie stark sie den Alltag der Menschen durchdrang. Sie vermitteln außerdem einen Eindruck von der immensen Propaganda, die eine Akzeptanz der NS-Ideologie in großen Teilen der Bevölkerung möglich machte. In den Objekten spiegelt sich auch die Sammlungsgeschichte des Museums wider, die zeigt, wie sich der Blick auf den Nationalsozialismus änderte und zunehmend differenzierter wurde.


Führerkult, Verfolgung und „Volksgemeinschaft“

Die Ausstellung beginnt mit Objekten zum Konstrukt der „Volksgemeinschaft“, das eine Grundlage des NS-Regimes bildete. Der Begriff geht zurück auf die Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkrieges, als sich die Vorstellung von einer deutschen Gemeinschaft aus „dem Volk“ und seinem Anführer formte. Die Nationalsozialisten bauten ihre Ideologie auf dieser Idee auf und folgten mit der Definition einer „arischen Völkergemeinschaft“ den pseudo-wissenschaftlichen Rassenlehren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Das Idealbild von der Zusammensetzung des deutschen Volkes war genau definiert und funktionierte nur über die Ausgrenzung bestimmter Personengruppen. Die „Volksgemeinschaft“ war ein ideologisches Konstrukt und entsprach keinesfalls einer Realität. Verschiedene Propagandamedien, aber auch Feierlichkeiten oder regelmäßige Veranstaltungen im Massenformat sollten ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln.

Objekte zur „Volksgemeinschaft“ finden sich in der Museumssammlung zahlreich. Die meisten vermitteln die Strukturen und Methoden von Organisationen, die der Durchsetzung dieses Gedankenguts dienten, wie das Winterhilfswerk. Sie machen die massive Verankerung der NS-Ideologie im alltäglichen Leben deutlich und die Relevanz der „Volksgemeinschaft“ für das Bestehen des Regimes. Auch viele weitere Exponate der Ausstellung zeigen diese Vereinnahmung.

Der „Volksgemeinschaft“ gegenüber stehen Objekte, die die Ausgrenzung und Verfolgung von Personen in der NS-Gesellschaft zeigen. Die NS-Ideologie unterschied dabei in Gruppen, bei denen eine Chance auf Eingliederung bestand, und in „Gemeinschaftsfremde“, die gemäß der Rassenideologie nicht integrierbar waren. Menschen, die nicht der nationalsozialistischen Norm entsprachen, wurden gesellschaftlich ausgegrenzt, verfolgt und ermordet.

Die in der Ausstellung gezeigten Objekte stehen vorrangig für antisemitisch motivierte und politische Verfolgung. Der Holocaust, die systematische Ermordung von Sinti und Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, „Asozialen“, geistig und körperlich eingeschränkten Menschen und weiteren Personen, die nicht ins Bild der „Volksgemeinschaft“ passten, können hingegen nicht durch die Sammlung repräsentiert werden. Die Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung findet sich insgesamt nur in sehr wenigen Objekten wieder, was sicherlich damit zusammenhängt, dass Sachzeugnisse zu diesem Thema nur vereinzelt überliefert wurden und für Museen selten verfügbar waren. Massenmord und Holocaust lassen sich daher über die Kieler Sammlungsobjekte schwer vermitteln.

Weiterhin zeigt der erste Ausstellungsraum Objekte zum Führerkult. Grundlage des Kultes um Adolf Hitler war das Führerprinzip, auf das der NS-Staat aufbaute. Der Führer war nur durch das Volk zu bestätigen und unterlag praktisch keiner höheren Kontrolle. Er stand der Masse gegenüber, seine Selbstinszenierung bestimmte die Wahrnehmung in der Bevölkerung.

Dies zeigt sich in verschiedenen Objekten der Sammlung. Sie geben die vielen Rollen Hitlers wieder: „Schöpfer des neuen Deutschlands“, „Vater des deutschen Volkes“, „Erlöser“, „Vorbild“. Vor allem die von der NS-Propaganda geschaffenen Zeugnisse des Hitlerkultes wie Wandbilder und Büsten sind heute im kollektiven Gedächtnis präsent. Dies entspricht ihrer tatsächlichen Verbreitung während der NS-Zeit. Sie waren Massenprodukte und im öffentlichen Raum allgegenwärtig. Die Grenze zwischen repräsentativen Führerobjekten und Kitsch ist oft fließend. Alltägliche Objekte wie ein Schulaufsatz dagegen machen die Verinnerlichung des Führerkults deutlich. Sie zeigen, wie stark Hitlers Selbstinszenierung durch die Propaganda auf den einzelnen Menschen wirkte.


Partei und Propaganda

Der zweite Ausstellungsraum zeigt unter anderem Objekte, die den raschen Aufstieg und die Etablierung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) aufzeigen. Getragen von den gesellschaftlichen Umständen hatte sich die NSDAP bis Anfang der 1930er Jahre in den kommunalen Regierungen etabliert, so auch in Kiel. Dieser Prozess funktionierte vor allem durch einen frühzeitig ausgebauten Parteiapparat sowie die Überzeugung der Wählerinnen und Wähler durch gezielt eingesetzte Agitation. Die Partei konnte so auf legalem Weg die politische Macht erreichen und bald darauf den angestrebten Einparteienstaat durchsetzen. Einher ging damit die „Gleichschaltung“ aller öffentlichen Institutionen.

Ein zentrales Motiv, das sich in nahezu jedem NS-Objekt der Museumssammlung zeigt, ist die Propaganda. In der NS-Ideologie kam ihr von Beginn an eine zentrale Rolle zu. Sie zielte auf alle Lebensbereiche der NS-Gesellschaft ab. Die Nationalsozialisten bedienten sich verschiedener Medien zur Propagierung ihrer Ideologie. In erster Linie waren das Druckerzeugnisse, bei denen sich Wort und Bild kombinieren ließen, wie Plakate und Zeitungen. Darüber hinaus kamen dem modernen Medium Rundfunk sowie Massenveranstaltungen wichtige Rollen zu. Kein Lebensbereich – im öffentlichen Leben und im privaten Alltag – war von der propagandistischen Vereinnahmung ausgenommen.

Die musealen Objekte stehen vor allem für die groß angelegten Ernährungs- und Sparkampagnen sowie Mythen und Legenden der NS-Ideologie und Geschichtsschreibung.



Arbeit und Alltag im NS-Staat

Weiterhin stellt die Ausstellung Objekte zum Thema Wirtschaft und Arbeit vor. In der Museumssammlung dominieren zum Thema Wirtschaft eindeutig die maritimen Objekte. Der Schiffbau nahm die zentrale Rolle im Wirtschaftsleben Kiels ein. Andere maritime Branchen wie die Handels- und Fährschifffahrt waren weitaus weniger bedeutend. Einen weiteren Sammlungsschwerpunkt bilden Objekte zum Thema Ernährung und Lebensmittelwirtschaft, hier insbesondere Rezepthefte, die im Zuge eines Sonderausstellungsprojektes zum Thema Ernährung im „Dritten Reich“ für die Sammlung erworben wurden.

Ziel der nationalsozialistischen Wirtschaft war in erster Linie die Vorbereitung auf einen Krieg. Dementsprechend erfuhr die Rüstungsindustrie ab Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 einen enormen Schub. Ein zweites wirtschaftliches Standbein bildeten die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie, zusammengefasst in der NS-Wirtschaftsorganisation „Reichsnährstand“: Mit der angestrebten Nahrungsmittelautarkie wollte der NS-Staat unabhängig von ausländischen Importen werden. In Kiel war die erneute Dominanz der Marine und die daraus resultierende Konjunktur auf den Werften und in Unternehmen, die von nun an auf die Produktion von Rüstungsgütern ausgerichtet waren, der treibende wirtschaftliche Motor.

Die Nationalsozialisten nutzten auch den Arbeitsplatz intensiv zur Propagierung ihrer Ideologie und Kontrolle der Arbeitenden. Der und die Einzelne sollten ganz in der „Betriebsgemeinschaft“ als Äquivalent zur größeren „Volksgemeinschaft“ aufgehen. Verantwortliche Organisation hierfür war die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die in erster Linie als Instrument zur Disziplinierung und Gleichschaltung der Belegschaft diente. Der DAF unterstellte Ämter sollten die Beschäftigten mittels „Leistungswettkämpfen“ und Großaktionen zu Höchstleistungen bringen.

Die Objekte der Museumssammlung zu diesem Thema beleuchten unterschiedliche Aspekte: Die Etablierung und Organisation der DAF, die Propagierung der „Betriebsgemeinschaft“, die Arbeitsdienste, das System der Musterbetriebe sowie die Organisation am Arbeitsplatz.

Das Thema Zwangsarbeit ist nur unzureichend vertreten, was im Widerspruch zur großen Bedeutung von Zwangsbeschäftigten für die nationalsozialistische Wirtschaft – insbesondere in der Kieler Rüstungsindustrie – steht. Für die vielen Zwangsarbeiterlager rund um Kiel gibt es keine Objekte, ebenso fehlen Sachzeugnisse für das Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel-Russee.

Mit dem Arbeitsbereich eng verwoben war der Alltagsbereich im Nationalsozialismus, der ebenfalls der Kontrolle des Regimes unterstand. Eine zentrale Rolle nahm dafür die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) ein, die Freizeitorganisation der Deutschen Arbeitsfront. Sie organisierte Freizeitveranstaltungen wie Betriebsabende, Sportwettkämpfe oder Betriebsausflüge und bot kulturelle Aktivitäten wie Theaterbesuche und Vorträge an.

Den Großteil der Angebote machte das umfangreiche Reiseprogramm aus, das Fernreisen per Schiff sowie Kurzreisen und Tagesausflüge umfasste. Diese vermeintlichen Annehmlichkeiten waren Mittel zur Weiterführung der am Arbeitsplatz propagierten Inhalte. Auch Feste wie Weihnachten wurden der NS-Ideologie angepasst und sollten in der Gemeinschaft begangen werden. Die Auswahl der in der Ausstellung vorgestellten Museumsobjekte steht stellvertretend für den gesamten NS-Sammlungsbestand zum Thema Freizeit: Objekte zu den KdF-Fahrten dominieren gegenüber weiteren Aspekten des Freizeitverhaltens eindeutig.


Kultur, Kunst und Sport

Einen großen Sammlungsbestand bilden Gemälde und Grafik aus der Zeit des Nationalsozialismus. Gemäß dem Sammlungskonzept des Museums haben sowohl die Bildmotive als auch die Künstler und wenigen Künstlerinnen meist einen regionalen Bezug. Einen ebenfalls quantitativ großen Bestand in der Sammlung bilden kunstgewerbliche Objekte der Zweiten Kieler Kunst-Keramik. Andere Kunstgattungen wie Musik, Theater, Film und Literatur sind in der Museumssammlung eindeutig unterrepräsentiert bis gar nicht vorhanden.

Im NS-Staat sollten Kunst und Kultur ganz der NS-Propaganda dienen und die neue Gesellschaftsordnung stärken. Avantgardistische Tendenzen oder auch nur freie künstlerische Entwicklungen tolerierte das totalitäre Regime nicht. Gefördert wurden während der NS-Zeit realistisch-natürliche Darstellungen der heimischen Landschaft oder pathetisch-heroische Personendarstellungen ebenso wie ein bodenständiges Kunsthandwerk. Auch die Marinemalerei erlebte eine Renaissance.

Etliche Künstler passten sich unter meist existenziellem Druck den politischen Vorgaben an. Oft ist eine eindeutige politische Einordnung vieler Werke nicht möglich. Solange die Intention der Künstlerin beziehungsweise des Künstlers oder der Entstehungskontext unklar sind, bleibt die Bewertung spekulativ.

Ein Grundpfeiler nationalsozialistischer Erziehung war der Sport, der dem Menschen in verschiedenen Lebensbereichen begegnete: in den Betrieben, in Schule und Universität, in den NS-Organisationen. Körperliche Ertüchtigung sollte die Menschen auf Kampf und Krieg vorbereiten und sie im Sinne des nationalsozialistischen Rasse- und Körperideals formen. Zugleich diente der Sport der Hierarchisierung und Ausgrenzung all derer, die körperlich eingeschränkt waren.

Sport stellte immer auch eine öffentliche – also auch propagandistische –
Angelegenheit dar, was besonders eindrücklich die Großveranstaltungen der NS-Massenorganisationen zeigten, die stets durch perfekt choreographierte Sportformationen geprägt waren. In der Museumssammlung dominieren zum Themenbereich Sport vor allem regionalbezogene Objekte zur Kieler Woche 1934 und 1936 sowie zu den Olympischen Segelwettbewerben 1936.

Weiterhin sind in der Sammlung Objekte zu den ideologischen Grundlagen zum Sport im Nationalsozialismus sowie zum Turnen und Schwimmen vorhanden, außerdem mehrere Sportabzeichen. Mittels dieser Objekte kann die allmähliche Gleichschaltung und ideologische Vereinnahmung des Sports dokumentiert werden.


Kinder, Jugend, Frauen


Im Sinne einer totalitären Ideologie erfolgte im Nationalsozialismus auch die Instrumentalisierung von Bildung und Wissenschaft. Deutschen Schulen und Universitäten sollten unter der Zielsetzung der „nationalsozialistischen Erneuerung“ agieren und Schülerinnen und Schüler sowie Studierende ideologisch formen. Auch an den deutschen Hochschulen hielt bald nach der Machtübertragung die „Totalität eines neuen Denkens“ Einzug. Neben der Vertreibung von jüdischen Lehrkräften bedeutete dies vor allem die rasche Vereinnahmung wissenschaftlicher Inhalte gemäß der NS-Ideologie. Der Themenbereich nationalsozialistischer Bildung wird in der Museumssammlung ausschließlich durch Schulbücher repräsentiert.

Die umfassende Erziehung im Sinne der Ideologie erfolgte jedoch ohnehin weniger in der Schule als vielmehr in der Hitler-Jugend und im Bund Deutscher Mädel. Viele Objekte der Museumssammlung zum Thema Bildung fallen daher in diesen Ausstellungsbereich. Mit zwei Dokumenten einer Studentin der Universität Kiel sind nur wenige Sammlungsobjekte zum Thema Wissenschaft vorhanden.

Die frühen, prägenden Lebensjahre eines Menschen wurden im Nationalsozialismus maßgeblich durch die Hitler-Jugend (HJ) als größte Massenorganisation für die Jugend bestimmt. Schon früh sollten die Kinder damit dem familiären Einfluss entzogen werden. Nachdem Jungen und Mädchen mit zehn Jahren im Deutschen Jungvolk oder dem Jungmädelbund erfasst wurden, knüpfte daran die Mitgliedschaft in der HJ oder im dazugehörigen Bund Deutscher Mädel (BDM)
für das 14. bis 17. Lebensjahr an. Ausgelegt war das System auf eine lückenlose Mitgliedschaft in einer NS-Jugendorganisation, was die ideologische Beeinflussung über die gesamte Jugendzeit ermöglichte.

In der Museumssammlung überwiegen Objekte, die die Präsenz der HJ im jugendlichen Leben deutlich machen. Ein großer Bestand an Spielzeug und Jugendliteratur zeigt die Nutzung dieser Medien für propagandistische Inhalte. Von 1939 an war die Kindheit schließlich stark vom Krieg bestimmt, was sich unter anderem in einigen Schriftstücken zur Kinderlandverschickung widerspiegelt. Objekte zu alternativen Jugendbewegungen wie der „Swing-Jugend“ oder den „Edelweißpiraten“ fehlen bisher in der Sammlung.

Dem Themenbereich zu Kindheit und Jugend stehen Objekte aus der Museumssammlung gegenüber, die das klar definierte Frauenbild der Nationalsozialisten aus Mutterschaft und Haushaltsführung zeigen. Minimaler Spielraum für Tätigkeiten außerhalb des häuslichen Bereichs lag im Engagement in einer der NS-Frauen-Organisationen.

Der Nationalsozialismus ging von einer Ungleichheit der Geschlechter aus: Mann und Frau haben unterschiedliche Voraussetzungen und Aufgaben, bringen diese aber mit einem gemeinsamen Ziel zusammen, das im Aufbau und Erhalt der „Volksgemeinschaft“ besteht.

Im Alltag existierten jedoch vielfältigere Frauenbilder, als es die NS- Propaganda glaubhaft machen wollte. Mit Voranschreiten des Krieges verschmolzen die Geschlechterwelten allmählich. Erwerbstätigkeit bei Frauen war entgegen der ideologischen Zuschreibung von  Ende der 1930er Jahre an weit verbreitet.

Einen Großteil der Objekte machen Zeitschriften und Haushaltshefte aus, die meist ein einseitiges Frauenbild vermitteln. Andere Objekte spiegeln jedoch die diversen Frauenrollen der Realität wider – Studentinnen, arbeitende Mütter und Frauen beim Militär.

Was gänzlich in der Museumssammlung fehlt, sind Objekte, die weibliche Täterschaft thematisieren. Der Aspekt von Gewalt und Macht wird im NS-Sammlungsbestand bislang nur über männliche Persönlichkeiten verdeutlicht.


Krieg

Der letzte Ausstellungsraum ist dem Thema Krieg gewidmet. Der Krieg war Bestandteil der NS-Ideologie und zugleich eine Konsequenz daraus. Mittels Feindbildern oder einer zunehmend martialischen Sprache stimmte das NS-Regime die Bevölkerung auf den geplanten Krieg ein. Mit der Neuausrichtung der Wirtschaft auf die Rüstungsindustrie hatten sich Hitler und seine Regierung über die Jahre auch praktisch dafür gerüstet.

Während der Krieg sich zunächst nur in der Ferne abspielte, rückten die Kampfhandlungen von 1940 an mit den ersten großflächigen Bombardements auf deutsche Städte in den Alltag der Bevölkerung, so auch in Kiel. Diese Phase des Krieges ist am stärksten im kollektiven Gedächtnis verankert, was sich auch in der Museumssammlung zeigt.

Mit über 100 Objekten stellt das Thema Krieg den Schwerpunkt des NS-Bestandes dar. Viele Objekte stehen für den Kriegsalltag in deutschen Städten, aber auch für die Themenkomplexe Wehrmacht und Marine, Tod und Heldengedenken, Kieler Werften und Rüstungsindustrie sowie Kriegspropaganda und Luftschutz.

Der Vernichtungskrieg in der Ferne und damit verknüpft das Sterben und die Ermordung unzähliger Menschen sind dagegen Aspekte, die die Sammlung nicht abdeckt. Ebenso wenig lässt sich die Kriegsschuld darüber vermitteln. Akteure des Krieges zeigen sich in den Objekten nur am Rande.




Sammeln und Erinnern – NS-Geschichte im Spiegel des Kieler Museumsbestandes

12. Februar bis 5. Juni
Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof
Dänische Straße 19
24103 Kiel
Telefon 0431/901-3425
www.stadtmuseum-kiel.de
twitter@StadtKulturKiel


Ausstellungseröffnung:

Sonntag, 12. Februar, 11.30 Uhr.

Es sprechen:
Stadtpräsidenten Hans-Werner Tovar, Dr. Doris Tillmann (Direktorin des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums) und Katja Töpfer (Museumsvolontärin und Kuratorin der Ausstellung).


Öffnungszeiten:


dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr
vom 15. April an täglich 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 1 Euro

Öffentliche Führungen: sonntags 11.30 Uhr
Gruppenführungen nach Vereinbarung unter Telefon (0431) 901-3488


Begleitprogramm:

Sonntag, 19. Februar, und
Sonntag, 12. März, jeweils 11.30 Uhr

Kuratorenführung mit Katja Töpfer
Dauer: 60 Minuten / Eintritt: 4 Euro zuzüglich 1 Euro Führungsgebühr


NS-Propagandafilme in Kooperation mit dem Kino in der Pumpe, jeweils mit Einführung

Sonntag, 12. März, 18.30 Uhr „Immensee“

Veit Harlan. D 1943. 94 Min. Mit Kristina Söderbaum, Karl Raddatz.
Dreiecksgeschichte nach Theodor Storm. Veit Harlan, der Lieblingsregisseur von Hitler und Goebbels, drehte diesen Film teilweise in Eutin und Plön.

Sonntag, 19. März, 18.30 Uhr „Opfergang“
Veit Harlan. D 1942/44. 93 Min. Mit Kristina Söderbaum, Karl Raddatz.
Albrecht, Sohn aus gutem Hause, ehelicht seine Cousine, kann sich aber nicht dem Einfluss der in der Nachbarschaft residierenden Schwedin Aels entziehen. Gedreht wurde in Hamburg und Umgebung.

Kommunales Kino Die Pumpe, Haßstraße 22
Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 5 Euro, ohne Anmeldung
Die Kinokarte berechtigt zu freiem Eintritt in die Ausstellung „Sammeln und Erinnern“.


Donnerstag, 30. März,
Donnerstag, 13. April,
Donnerstag, 11. Mai, jeweils 16.30 Uhr

Spuren jüdischen Lebens in Kiel – Stadtrundgang mit Ines Weißenberg
Die Tour startet im Stadtmuseum Warleberger Hof, führt durch die Altstadt mit Kehden- und Haßstraße und endet am Schrevenpark Ecke Humboldtstraße/Goethestraße.
Dauer: circa 90 Minuten
Teilnahme: 6 Euro
Der Rundgang ist nicht barrierefrei.


Der für Mittwoch, 6. April, vorgesehene Vortrag „Wissenschaftliche Perspektiven auf die NS-Volksgemeinschaft“ mit Gunnar Zamzow, M.A., (im Faltblatt angegeben) entfällt.


Donnerstag, 18. Mai, 19.30 Uhr
Vortrag „Kunst im Nationalsozialismus“, Maria Migawa M.A.
Eintritt frei, ohne Anmeldung.

Führungen für Schulklassen

Geklebte NS-Propaganda: Das Plakat in der Zeit des Nationalsozialismus

Unter der NS-Herrschaft gehörten Plakate zu den wichtigsten Propagandainstrumenten. Mittels einer leicht verständlichen Bildsprache und knapper Parolen idealisierten sie die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ und grenzten Personengruppen aus, bereiteten auf den Krieg vor und trugen somit zur Ideologisierung und Militarisierung der Gesellschaft bei. Im Rahmen einer Führung lernen Schülerinnen und Schüler ab Klasse 9 die Absichten und Wirkungsweisen politischer Plakate kennen.

Dauer: circa 60 Minuten
Eintritt: 1 Euro pro Schülerin und Schüler
Anfragen unter Telefon 0431/901-3425
 

Pressemeldung 087/10. Februar 2017/DT-ari

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