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Einführung

„Geht nicht gibt´s nicht..." könnte das Lebensmotto der 24 hier vorgestellten Kielerinnen lauten, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz auf vielfältige Weise für die Verbesserung der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse einsetzten oder sich auf unüblichen Wegen einen eigenen Platz in dieser Gesellschaft erwarben.

Die Widrigkeiten waren beträchtlich. Der Beginn des Kampfes um Frauenrechte wird in Deutschland etwa 1849, mit dem Erscheinen der ersten politischen Frauen-Zeitung, angesetzt. Die Geschichte der Frauenbewegung beginnt 1865 mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, dessen erste Vorsitzende Louise Otto-Peters - Herausgeberin der Frauen-Zeitung - wurde. Hauptanliegen des Vereins war, Frauen Zugang zum Bildungssystem und die Möglichkeit eigenständiger, qualifizierter Berufstätigkeit zu ermöglichen. Von beidem waren sie damals noch weitgehend ausgeschlossen, erst recht als verheiratete Frauen.

Auch politisch hatten Frauen keine Rechte; politischen Vereinen war die Aufnahme von „Frauenspersonen" verboten. In Industriebetrieben dagegen wurden sie zu Tausenden als ungelernte Arbeiterinnen beschäftigt, weil ihnen für die gleiche Arbeit weniger Lohn gezahlt werden durfte als Männern und viele Arbeiterfamilien auf den Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen angewiesen waren.

Bereits um 1870 wurden Arbeiterinnen auch Mitglieder in bestehenden Arbeiterorganisationen, gründeten vereinzelt sogar reine Frauengewerkschaften. In der Arbeiterbewegung entstand die Forderung nach Einbeziehung von Frauen in die Politik sowie nach rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung. Um die Entwicklung ihres politischen Bewusstseins bemühte sich in erster Linie die Sozialdemokratische Partei. Bereits seit 1892 hatte sie z. B. eine Organisationsform entwickelt, die die Einbeziehung der Frauen in die Partei möglich machte, obwohl Frauen in Deutschland erst 1908 das Recht erhielten, sich politisch zu betätigen und z. B. Mitglieder einer Partei zu werden. (Das aktive wie passive Wahlrecht wurde Frauen bis 1918 verwehrt!)

Vergleichbare Initiativen gab es in den bürgerlichen Parteien kaum, damit auch keine vergleichbare Zahl parteipolitisch aktiver Frauen. Mit der Jahrhundertwende ließen sich jedoch auch beim Recht auf Bildung Fortschritte verzeichnen. Zwischen 1900 und 1909 führten die deutschen Länder das Immatrikulationsrecht für Frauen an ihren Hochschulen ein. Bald standen Frauen auch qualifizierte und akademische Berufe sowie die Promotion offen.

„Letztlich waren damit bis 1919 - trotz anfänglicher Misserfolge - die formaljuristischen Möglichkeiten geschaffen und die Hauptforderungen erfüllt, die die ersten Frauenrechtlerinnen vor etwa 70 Jahren angestrebt hatten: gleiche Bildungs- und Berufsmöglichkeiten, gleiche politische Rechte und Pflichten und damit Verantwortung." (vgl. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung Deutschlands, Hannover 1997, S. 48 f.)

Vor diesem Hintergrund sind die Biografien der 24 im vorliegenden Buch portraitierten Persönlichkeiten zu sehen. Sie stellen eine kleine Auswahl von Frauen dar, die sich in vielfältiger Weise für die Geschicke der Kieler Bevölkerung und die Entwicklung der Stadt Kiel eingesetzt haben bzw. die uns als herausragende Persönlichkeiten der Kieler Stadtgeschichte aufgefallen sind. Wo sie sich politisch betätigten wie Toni Jensen oder Gertrud Völcker, ordneten sie sich in der Mehrzahl auf der linken Seite des Parteienspektrums ein. Berufliche Karrieren wie die von Lilli Martius oder Gertrud Savelsberg finden sich eher im konservativen oder gänzlich apolitischen Bereich.
Einige, wie Anneliese Pinn oder Elise Jacobsen-Camps, sind aufgenommen, weil ihre Biografie prototypisch für die Bestrebungen und Mechanismen steht, die in ihrem gesellschaftlichen Umfeld als Beitrag der Frauen akzeptiert waren.

Die Auswahl derjenigen Frauen, die wir in diesem Buch ausführlicher vorstellen, fiel aufgrund der Anzahl bemerkenswerter Kielerinnen schwer: Der Anspruch, einen Querschnitt durch die Stadtgeschichte zu bieten, der die Unterschiedlichkeit und Vielfalt dieser Persönlichkeiten aus verschiedenen Epochen zum Ausdruck bringt, musste bald aufgegeben werden.

Zum gewichtigen Kriterium bei der Auswahl der Portraits wurde das Vorhandensein und die Qualität zugänglicher Quellen. Über viele Frauen gibt es kaum Material, das über die schlichte Aufzählung der bekleideten öffentlichen Ämter hinausgeht. Informative Unterlagen und persönliche Notizen wurden durch die beiden Weltkriege und durch das nationalsozialistische Regime vernichtet. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verzichteten viele Organisationen und Vereine zunächst darauf, allzu persönliche Daten ihrer Mitglieder zu sammeln und zu archivieren; die Erfahrung des Missbrauchs von Mitgliedsdateien durch die Nationalsozialisten war noch zu frisch.
Zudem stellten Frauen ihr privates Leben eher in den Hintergrund, so dass persönliche Lebensumstände heute nicht oder nur rudimentär bekannt sind.

Dem überwiegenden Teil der in diesem Buch vorgestellten Kielerinnen gemeinsam ist das hohe Maß an sozialem Verantwortungsbewusstsein, geprägt durch Gemeinschaftssinn und den Willen zu kollektivem Handeln. Viele erkannten, dass das Private zugleich politisch sein müsse und dass Veränderungen nur durch aktives Einmischen und Handeln erreicht werden können. Auffällig und bemerkenswert ist auch, dass ein Großteil der von Frauen geleisteten Arbeit insbesondere im sozialen Bereich sich fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis vollzog, wie auch heute noch.

In erster Linie waren Frauen für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig und mussten zudem in den unteren Einkommensbereichen nicht selten zur Existenzsicherung der Familie beitragen. Als Krisenmanagerinnen waren sie an verschiedenen Brennpunkten zugleich aktiv und nahmen hohe Belastungen auf sich, um parallel politisch oder sozial tätig sein zu können. Andere verzichteten bereits damals auf eine Familie zugunsten einer Vollberufstätigkeit in einem qualifizierten und zufrieden stellenden Beruf.

Der Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung dauert bis heute an, wenngleich er im Laufe der Zeit in seiner Schärfe und im gesellschaftlichen Bewusstsein Veränderungen unterlag. Um so wichtiger ist es, sich jener Frauen zu erinnern, die in vielerlei Hinsicht als Vorreiterinnen im Kampf um ein sozial gerechteres und gleichberechtigtes Zusammenleben der Menschen gelten können.

In diesem Sinne sehen wir sie als Vorbilder für uns Frauen heute; ihre Lebensgeschichten zeigen uns die Wurzeln, aus denen das heute Erreichte gewachsen ist.

Das vorliegende Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität. Es soll vielmehr einen ersten Eindruck vermitteln und zum Nachfragen und Weiterforschen anregen. Die Kieler Frauengeschichte wirft viele spannende Fragen auf und wartet darauf, umfassend recherchiert und präsent zu werden.

Um weitere Initiativen zur Erforschung der Kieler Frauengeschichte anzuregen, finden sich in diesem Buch eine Reihe weiterer Kurzportraits, die für uns ebenfalls wichtige Mosaiksteine der Geschichte Kiels darstellen. Dazu gehören auch Frauen, die noch unter uns leben; bei ihnen bietet sich die Gelegenheit, zu Lebzeiten mit der Erforschung zu beginnen. Die Sammlung von Kurzportraits am Ende dieses Buches soll also als Aufforderung verstanden werden, die Geschichtsschreibung Kiels zu ergänzen.