Landeshauptstadt Kiel Kiel.Sailing.City

Elisabeth 'Elise' Jacobsen-Camps

Elise Jacobsen-Camps (Foto: Familienbesitz)
Elise Jacobsen-Camps (Foto: Familienbesitz)

Geboren am 29. Juli 1848 in Gelting

Mit Elise Jacobsen-Camps soll an dieser Stelle eine Frau vorgestellt werden, deren Leben sich nicht durch die Bekleidung öffentlicher Ämter auszeichnet, sondern durch den harten und unermüdlichen Einsatz für das Wohlergehen ihrer Familie. Aus der Einrichtung eines Mittagstisches im eigenen Hause entwickelt sich ein einträgliches Gewerbe, mit dem Elise Jacobsen-Camps zum sicheren Auskommen der Familie und für die spätere Ausbildung der acht Kinder geschickt beiträgt.

Sie wird 1848 als Elise Holst in Gelting geboren und wächst dort in bescheidenen Verhältnissen auf.  Mit dem 12. Lebensjahr verlässt sie die Schule und nimmt verschiedene Stellungen in Haushalten an, wo sie zumeist schwere körperliche Arbeiten verrichten muss, die bereits in jungen Jahren zu gesundheitlicher Beeinträchtigung führen. Als Vierzehnjährige geht Elise Holst nach Hamburg, um dort als Hausmädchen und ungelernte Kochfrau zu arbeiten. Nach und nach entwickelt sie sich zu einer begabten Köchin, die auch für größere Gesellschaften eingesetzt wird. Starke Migräneanfälle, unter denen sie bereits seit ihrer Kindheit leidet, behindern sie häufig bei der anstrengenden Arbeit.

In Hamburg lernt sie ihre große Liebe Wilhelm kennen. Es wird jedoch eine unglückliche Liebe, da Wilhelm kurz vor der Heirat eine andere Frau schwängert und mit dieser, entsprechend den damaligen Konventionen, eine Ehe eingeht. Elise Holst leidet sehr darunter und glaubt nun, ihre einzige Chance auf einen Ehemann und damit eine eigene Familie vertan zu haben.

Sie bleibt weiterhin als Köchin in Hamburg tätig und lernt dort den Schneider Camps kennen. 1877 heiraten die beiden, obwohl Elise Holst immer noch ihrer großen Liebe Wilhelm nachtrauert. Gemeinsam ziehen die Eheleute nach Kiel. Herr Camps arbeitet zu Hause als Schneider für die Firma Thöl. Elise Camps muss neben dem Haushalt bei den Näharbeiten „tüchtig mithelfen“. Da es in der Wohnung keine Wasserleitung gibt, schleppt sie das Wasser zum Kochen, Putzen und Wäschewaschen selbst herbei. Ihr Mann weigert sich, dabei zu helfen, weil er „seine Hände, die er zum Schneidern brauche, schonen müsse“. Elise Camps fügt sich und bringt all ihre Kräfte auf, um die Arbeiten und die erste Schwangerschaft zu bewältigen.

Nach der Geburt der Tochter zieht die Familie in eine etwas größere Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Eines der Zimmer wird zunächst an zwei, später an drei Herren vermietet. Elise Camps erledigt die Wäsche für die Untermieter und bereitet ihnen das Mittagessen. Zudem stellt ihr Mann einen Schneidergesellen ein, den Elise nun auch bekocht und versorgt. Weiterhin beteiligt sie sich an den Näharbeiten ihres Mannes, der sie grob und unfreundlich behandelt, wie sie es in ihren Lebenserinnerungen selbst beschreibt.

Elise Jacobsen-Camps (r.) mit ihren Schwestern (Foto: Familienbesitz)
Elise Jacobsen-Camps (r.) mit ihren Schwestern (Foto: Familienbesitz)

Des Weiteren plant Herr Camps die Einrichtung eines Privat-Mittagstisches; durch die erneute Schwangerschaft seiner Frau sieht er dieses Vorhaben jedoch gefährdet und lässt Elise seinen Ärger spüren. Später, als die drei Einlogierer abreisen, wird ein weiterer Geselle eingestellt. Da Elise Camps nun zwar zwei Kinder zu versorgen hat, aber „nur noch“ zwei Gesellen Kost und Logis bietet, drängt ihr Mann, die Idee vom Privat-Mittagstisch endlich umzusetzen. Er verspricht, ein Mädchen einzustellen, das Elise die groben Hausarbeiten abnimmt.

Kurz darauf folgt der Umzug in eine geeignetere Wohnung. Einen Monat später startet der Mittagstisch mit anfangs drei, kurz darauf sieben regelmäßigen Gästen. Herr Camps fordert weiterhin von seiner Frau, zusätzlich eine Stelle als Kochfrau anzunehmen. Außerdem mietet er zwecks Gemüseanbaus zur eigenen Versorgung einen Garten an, dessen Bestellung seine Frau nun auch übernimmt. Weitere Umzüge folgen; zur Familie gehören mittlerweile drei Gesellen sowie drei Haus- und Küchenmädchen. Inzwischen hat der Mittagstisch über 80 tägliche Tischgäste, abends bekocht Elise Camps rund 20 Leute.

Da auch das Schneidergeschäft floriert, kann sich die Familie bald ein Haus in der Kieler Schassstraße kaufen. Allerdings muss ein kompletter Umbau erfolgen, um es den Bedürfnissen der beiden Erwerbszweige anzupassen. Das Arbeitspensum von Elise Camps umfasst nun den Mittags- und Abendtisch, die Erziehung der mittlerweile drei Kinder sowie die Versorgung dreier älterer Herren, die jeweils ein Zimmer mit Vollpension gemietet haben.

Nach einem halben Jahr kündigt man der Familie Camps drei Hypotheken; Herr Camps erkrankt aus Furcht davor, dass ihnen das Haus und die beiden Geschäfte entzogen werden und die Familie somit verarmen könne. Da sich sein Nervenleiden zusehends verschlimmert, organisiert und ernährt jetzt Elise Camps die gesamte Familie. Obwohl ihr Mann nicht mehr arbeitsfähig ist, gelingt es ihr, die Hypotheken zurück zu gewinnen und damit die Gefahr abzuwenden.

Nach dem Tod ihres Mannes führt Elise Camps den Mittagstisch weiter. Drei Jahre später heiratet sie ihren Vetter Johannes Jacobsen. Von dieser Heirat erhofft sich Elise Camps ein wenig Glück; statt dessen muss sie zusätzlich für ihn und seine fünf Kinder aufkommen, da Johannes Jacobsen sein Geld gerne vertrinkt. Sie setzt ihre Kraft zielstrebig dafür ein, dass die neue Großfamilie mit jetzt acht Kindern über die Runden kommt und allen Kindern eine gute Schul- und Ausbildung möglich wird. Nach 27 Jahren Privat-Mittagstisch gibt sie dieses Geschäft auf und lebt nur noch von der Vermietung einzelner Zimmer.

Die beiden Söhne Otto und Friedrich-Wilhelm Camps gründen bereits 1905 in Kiel die Hausgeräte Camps GmbH, wie das erfolgreiche Familienunternehmen bis heute heißt. Auf Wunsch ihres Sohnes Otto schreibt Elise Jacobsen-Camps 1931 ihre Lebensgeschichte auf. So schmerzhaft und anstrengend sich ihr Leben im alltäglichen Kampf ums Überleben auch darstellt: Sie ist stets das „Oberhaupt“ der Familie oder, wie es ihr Enkel Günter Camps in der Familienchronik von 1965 mit einem Dichterwort beschreibt: „... Frauen, die ein ganzes Leben tragen, was kein Mann an schweren Lasten trägt!“.

Elise Jacobsen-Camps stirbt, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, am 12. Oktober 1939 im Alter von 91 Jahren in Kiel.

 

(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)