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Anneliese Pinn

Anneliese Pinn (Foto: Stadtarchiv Kiel)
Anneliese Pinn (Foto: Stadtarchiv Kiel)

Geboren am 14. Dezember 1900 in Kiel

Lange bevor die heute als Frauenhäuser bekannten Zufluchtstätten für in Not und Bedrängnis geratene Frauen und Mädchen von der breiten Öffentlichkeit als notwendige Einrichtungen anerkannt worden sind, haben Frauen wie Anneliese Pinn und Therese Blunck durch ihre Arbeit den Grundstein für diese wichtigen Schutzräume gelegt.

Anneliese Pinn wächst in Kiel auf. Hier absolviert sie eine Ausbildung zur Heilgymnastin und geht als junge Frau nach Berlin, um dort an der Charité im pflegerischen Dienst mehrere Jahre tätig zu sein. Anschließend legt sie an der Wohlfahrtsschule in Berlin das Fürsorgerinnenexamen ab.

1926 beginnt Anneliese Pinn mit der Arbeit in der Familienfürsorge der Stadt Kiel. Die Tätigkeit als städtische Fürsorgerin übt sie bis zum Jahr 1942 aus. Die Erlebnisse aus zwei Weltkriegen und das Elend, insbesondere alleinstehender Frauen und Mädchen, dem sie in jener Zeit begegnet, bestimmen ihren künftigen Lebensweg. Viele Jahre engagiert sie sich ehrenamtlich im Fürsorgeverein Kieler Mädchenheim e.V. Als 1942 die Gründerin und Leiterin des Fürsorgevereins, Therese Blunck, stirbt, übernimmt Anneliese Pinn die Leitung, wie Therese Blunck es kurz vor ihrem Tod testamentarisch verfügt hat. Sie gibt ihre Fürsorgetätigkeit bei der Stadt Kiel auf und führt nun das Mädchenheim durch den Zweiten Weltkrieg. Sie erreicht unter anderem, dass SA-Offiziere aus dem nahegelegenen Polizeipräsidium nicht länger vom Mädchenheim bekocht werden müssen.

Im August 1944 fällt das neu gestaltete Gebäude in der Gartenstraße den alliierten Luftangriffen zum Opfer und wird komplett zerstört. Das Mädchenheim zieht mit seinen rund 120 Bewohnerinnen auf den Hof Vieburg in Hassee, wo der Verein sich zunächst notdürftig organisiert. Mit dem Flüchtlingsstrom über die Ostsee kommen gegen Kriegsende viele Frauen, namenlose Babys und elternlose Kleinkinder in Kiel an. Auch sie suchen Schutz und Hilfe im Mädchenheim, das nun aus allen Nähten platzt.

So gründet Anneliese Pinn, zusammen mit FreundInnen und HelferInnen und mit Hilfe internationaler Spenden, im Jahre 1952 den Waldhof in Elmschenhagen-Kroog, einen Komplex von heute zehn Bauten mit Wohnungen für etwa 250 Menschen und das größte Frauenhilfszentrum in Schleswig-Holstein. In den einzelnen Häusern finden Frauen, Kinder und Jugendliche aller Altersstufen Zuflucht und individuelle Betreuung.

Der
Der "Waldhof", eines der Marie-Christian-Heime, in Elmschenhagen-
Kroog (Foto: Stadtarchiv Kiel)

Die Marie-Christian-Heime (nach den Vornamen der Eltern Anneliese Pinns benannt) beherbergen zur Zeit fast 300 Menschen. Zentrum der diakonischen Einrichtung ist der Waldhof, u.a. mit einem Mutter-Kind-Haus, einer Zufluchtstätte für alleinstehende, hilfsbedürftige Mütter oder verheiratete, misshandelte Mütter und deren Kinder. Dazu gehört das Kindernest für alleingelassene Kinder, die dort individuell gefördert werden. In anderen Häusern der Einrichtung finden psychisch kranke und drogenabhängige Frauen Schutz und Betreuung. Es gibt Werkstätten mit therapeutischem Programm, eine Handweberei, eine Töpferei sowie eine Entbindungsstation.

Zu den Marie-Christian-Heimen gehören zwei weitere Frauenheime, die auf dem Gelände des ehemaligen Mädchenheims in der Gartenstraße/Ecke Blumenstraße errichtet wurden: das Therese-Blunck-Heim und das Gertrud-Bäumer-Haus. Anneliese Pinn obliegt die Leitung aller Marie-Christian-Heime seit der Gründung 1952.

Im Mai 1952 wird Anneliese Pinn vom Sozialministerium Schleswig-Holsteins zur Oberin ernannt, was ihr bei den „Schützlingen“ schnell den Spitznamen „Obi“ Pinn einbringt. 1970 erhält sie die Goldmedaille des Allgemeinen Kieler Kommunalvereins von 1945 für ihre spontane und uneigennützige Hilfe in allen menschlichen Notlagen, für die Entlastung staatlich-kommunaler Daseinsfürsorge und für ihr beispielhaftes soziales und verantwortungsbewusstes Handeln.

Obwohl Anneliese Pinn in all den Jahren eng mit Wohlfahrtsverbänden, öffentlichen Trägern der Sozial- und Jugendhilfe und Landeskrankenhäusern zusammenarbeitet, begegnet man ihrer Arbeit von „offizieller Seite“ immer wieder misstrauisch.

Die Kieler Ratsversammlung möchte die freie Fürsorgetätigkeit lieber in die Zuständigkeit der Stadt eingegliedert sehen, doch Anneliese Pinn lehnt dies kategorisch ab, denn „Unfreiheit und Bürokratismus, der ‚Amtsschimmel’ wäre in die Arbeit eingedrungen. Um jede Aufnahme hätten wir fragen müssen, die Zuständigkeit, das Hauptanliegen der Behörden, wäre erst zu prüfen gewesen. Der arme Mensch wäre schutzlos weiter herumgeirrt. Das war gegen unsere Einstellung, die nach wie vor war: ‚Niemanden abweisen!’“, wie sie später in ihren Lebenserinnerungen betont.

Anneliese Pinns Arbeit findet allgemein weite Anerkennung. Neben der zweimaligen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1958 und 1979 erhält sie 1979 die Andreas-Gayk-Medaille der Stadt Kiel sowie das Goldene Kronenkreuz des Diakonischen Werkes. Das schleswig-holsteinische Sozialministerium lässt sich bei der Planung und Entwicklung der späteren Frauenhäuser von Anneliese Pinn beraten und kann von ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz profitieren. 1978 übergibt „Obi“ Pinn die Leitung der Marie-Christian-Heime in andere Hände und geht in den Ruhestand.

Sie stirbt am 20. Juni 1991 in Kiel im Alter von 90 Jahren.

 

(aus: Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..."
24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007)

2009 beschloss die Ratsversammlung, im Neubaugebiet Steenbeker Weg Straßen nach herausragenden Kieler Frauen zu benennen. Eine von ihnen heißt Anneliese-Pinn-Weg.