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Andreas Gayk (1893 - 1954)

Andreas Gayk wurde am 11. Oktober 1893 in Gaarden geboren. Sein Vater arbeitete als Tischler auf der Werft und war Mitglied der SPD. Nach der Volksschule kam Gayk zunächst in eine kaufmännische Lehre beim Konsum, aber diese Tätigkeit sagte ihm wenig zu. Er wechselte zum Journalismus und wurde Redakteur bei der sozialdemokratischen Parteizeitung in Lüdenscheid. 

Oberbürgermeister Andreas Gayk
Oberbürgermeister Andreas Gayk

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste Gayk an die Front. Bis 1918 kämpfte er in Galizien und Frankreich. Heimgekehrt arbeitete er in Kiel für die sozialdemokratische Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, deren Lokalredakteur er 1926 wurde. Einige Jahr war er auch Stadtverordneter.

Nach dem Verbot der Volks-Zeitung im Februar 1933 wurde Gayk vorübergehend verhaftet. Er tauchte in Berlin unter. Hier gab er bis zum Mai 1935 die Zeitschrift „Blick in die Zeit“ heraus, in der durch geschicktes Zusammenstellen ausländischer und deutscher Presseberichte die Lügen, Phrasen und die Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Politik aufgedeckt wurden. Nach Verbot dieser Zeitschrift schlug sich Gayk als pharmazeutischer Vertreter durch, dann wurde er 1943 zur Berliner Hilfspolizei eingezogen. Kurz vor der Eroberung Berlins gelang es ihm, nach Eiderstedt zu entkommen, um wenige Wochen nach Kriegsende nach Kiel zurückzukehren.

Von Andreas Gayk hängt ein Bild in der Porträtgalerie im Rathaus.

Der einflussreichste Sozialdemokrat in Schleswig-Holstein

Schon Anfang August 1945 gehörte Gayk zu den führenden Sozialdemokraten auf Orts- und Bezirksebene. Er wurde 1945 Mitglied der Kieler Stadtvertretung, die von der britischen Militärregierung ernannt worden war, dann Stadtrat, im Februar 1946 zum Kieler Bürgermeister und im Oktober zum Oberbürgermeister gewählt. Gleichzeitig war Gayk Mitglied des schleswig-holsteinischen Landtages, von 1947-1950 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und bis 1950 auch Oppositionsführer. Hinzu kam der Vorsitz der sozialdemokratischen Bezirksorganisation im Land Schleswig-Holstein und die Mitgliedschaft im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz ausarbeitete. Gayk war damit der einflussreichste und prominenteste SPD-Politiker in Schleswig-Holstein.

Gayks Verdienst: der Wiederaufbau von Kiel

In Kiel verbindet sich seine Person mit dem Wiederaufbau der Stadt nach 1945. Mit Leidenschaft  wehrte er sich gegen die Demontagepläne der Briten. In zähen Verhandlungen konnte er immerhin erreichen, das 18 Gebäude und 915 m Kaifläche auf dem Ostufer aus dem Demontageplan herausgenommen wurden. Gayk setzte sich auch dafür ein, dass die Stadt wirtschaftlich wieder lebensfähig wurde. Als neue Landeshauptstadt, als neuer Seefischereihafen und wieder als Universitätsstadt hatte Kiel eine Zukunft. Außerdem erfuhr die Wirtschaft eine Umstrukturierung. Die bisher einseitige Ausrichtung auf Großwerften und die Marine wurde zugunsten einer Friedenswirtschaft ersetzt. Neue Industriebetriebe - Maschinenindustrie, feinmechanische- und elektromechanische Betriebe und Textilindustrie - konnten angesiedelt und die Zahl der Arbeitslosen allmählich gesenkt werden.

Um die zerstörte Stadt wieder aufbauen zu können, rief Gayk die Bevölkerung Kiels zur freiwilligen, ehrenamtlichen Trümmerräumung an Sonn- und Feiertagen auf. Kiel wurde bald zur bestaufgeräumten Stadt in Deutschland. Die von Trümmern befreiten Grundstücke wurden als Gemeinschaftsaufgabe der Kieler zunächst mit Bäumen und Büschen bepflanzt. Die „Gayk-Wäldchen“ symbolisierten das neue Leben in Kiel. Durch die Begrünung sollte die deprimierende Wirkung der öden Flächen gemildert, der aus den Ruinenfeldern wehende Kalkstaub wirksam bekämpft und die Flächen für den Wiederaufbau freigehalten werden. Schon 1946 verabschiedete die Stadtvertretung einen Generalbebauungsplan. Die Stadt sollte schöner werden als vorher. Die Innenstadt wurde als Verwaltungs- und Geschäftsstadt umgestaltet, der Verkehr um sie herum geleitet, die Holstenstraße 1953 zur reinen Fußgängerzone ausgebaut.

Im Geist der Völkerverständigung

Auf Gayks Initiative ist zurückzuführen, dass seit 1949 die „Kieler Woche“ wieder stattfand. Sie sollte nicht nur eine Segelregatta sein, sondern den Schwerpunkt auch auf Kultur und Politik setzen und zur Völkerverständigung beitragen. In die „Kieler Woche“ wurde von Anfang an die Bevölkerung einbezogen. Sie konnte an Veranstaltungen teilnehmen, das „Fest auf grünem Rasen“ feiern und das Feuerwerk zum Abschluss der Woche bewundern. So ist die „Kieler Woche“ bis heute ein Fest des Gemeinsinns, der Sport, Kultur und Politik vereint.

Der Gedanke der Völkerversöhnung war für Andreas Gayk ein großes Anliegen. Um die Jahreswende 1946/47 erschien sein Presseartikel „Gruß an Coventry“, in dem er aufforderte, das berüchtigte Goebbelsche Schandwort vom „Coventrieren der englischen Städte“ in sein Gegenteil zu verwandeln und die „Gesellschaft der Freunde Coventrys“ zu gründen. Am 2. April 1947 fand die konstituierende Sitzung der Gesellschaft im Gewerkschaftshaus statt, an der Vertreter der Landesregierung, der Stadtverwaltung, der Universität, der Kieler Schulen, der Parteien, der Gewerkschaften, der Wirtschaft, der Kirche, der Jugendverbände und englische Gäste teilnahmen. Die Freundschaft mit der englischen Stadt Coventry, die von deutschen Bombenflugzeugen zerstört worden war, sollte zum Symbol einer geistigen und moralischen Erneuerung werden, die innere Umkehr des deutschen Volkes versinnbildlichen.

Ein geborener Kommunalpolitiker

Obwohl Gayk auf Landes- und Bundesebene - er war seit 1946 im Bundesvorstand der SPD - eine entscheidende Rolle spielte, lehnte er es ab, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein oder zweiter Vorsitzender der Bundes-SPD nach dem Tod von Kurt Schumacher zu werden. Gayk war der geborene Kommunalpolitiker, deshalb blieb er Kiel treu und widmete sich mit Rastlosigkeit und unermüdlicher Hingabe den vielfältigen Aufgaben der Stadt nach dem Krieg.

Andreas Gayk erhielt 1954 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Er starb am 1. Oktober 1954 in Kiel. Schon wenige Tage später wurde in der Kieler Innenstadt eine Straße nach ihm benannt.


Christa Geckeler

Literatur

Bürger bauen eine neue Stadt, Kiel, hrsg. vom Magistrat der Stadt Kiel, Kiel, o. J.
Jensen, Jürgen, Karl Rickers (Hg.): Andreas Gayk und seine Zeit 1893-1954. Erinnerungen an den Kieler Oberbürgermeister, Neumünster 1974
Martens, Holger: Zur Rolle von Andreas Gayk in der Kommunal- und Landespolitik 1945-1954, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 79, Kiel 1999, S.241-276