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100 Jahre Kieler Rathaus

Mit Kaiser, aber ohne Kaiserwetter

Rund 50.000 Menschen warteten im Jahr 1910 vor dem Rathaus auf den Kaiser
Unter Regenschirmen versteckt: Rund 50.000 Menschen
warten auf den Kaiser  -  Foto: Stadtarchiv

Sinnbildlich für den Schweiß der Männer, die von 1907 bis 1911 das Rathaus gebaut hatten, könnte der Dauerregen gestanden haben, der am 12. November 1911 über Kiel hereinbrach. Die Lust am Feiern ließen sich die Kielerinnen und Kieler trotzdem nicht nehmen. Rund vier Jahre lang hatten sie zusehen können, wie ihr neues Rathaus in der Fleethörn auf dem Gelände der früheren städtischen Gasanstalt entstand. Im November 1911 wurde der Bau endlich eingeweiht. Er ersetzte fortan das alte Rathaus mit Standort am heutigen Alten Markt.

Das damals neue Rathaus wurde nach den Entwürfen des Karlsruher Architekten Hermann Billing gebaut. Er hatte den vorausgegangenen Architektenwettbewerb gewonnen. Die Bauarbeiten starteten im August 1907. Bereits nach zwei Jahren konnte Richtfest gefeiert werden.

Ein paar Monate später, im Mai 1910, war auch der markante Turm des Rathauses fertig: Ein Hauch von Venedig ist seitdem in Kiel. Am 28. Mai 1911 begannen die Zeiger der Turmuhr ihre Kreise zu ziehen. Damit erklang auch das Glockenspiel „Kiel hat kein Geld, das weiß die Welt“ zum ersten Mal. Zwei Monate vor der Einweihung zogen die städtischen Dienststellen in das Rathaus ein. Am 12. November 1911 konnte der 4,2 Millionen Goldmark teure Neubau schließlich eingeweiht werden: mit Kaiser, aber ohne Kaiserwetter.

Ein Meer von Regenschirmen

Trotz Dauerregens kamen rund 50.000 Menschen an dem Sonntagmorgen auf dem Neumarkt, dem heutigen Rathausplatz, und in den angrenzenden Straßen zusammen. Schon damals wussten die Kielerinnen und Kieler, womit sie dem Wetter trotzen konnten: mit Regenschirmen.

„Etwa um 11 Uhr 40 Min. tönt wie fernes Brausen einer Brandung vom Anfang des Lorentzendammes vielhundertstimmiges Hurra herüber, das sich fortpflanzend mehr und mehr verstärkt. In langsamer Fahrt nahen sechs Hofautomobile. Man sieht wie überall Regenschirme niedergeklappt werden, weil sie den Ausblick und die Hände behindern. Hüte und Tücher werden geschwenkt“, beschreibt ein Zeitungsartikel zum 70. Geburtstag des Rathauses vor 30 Jahren rückblickend die Szenerie, als Kaiser Wilhelm II. und die Kaiserin samt Familie sich endlich dem Rathaus näherten.

Vor 100 Jahren: Das Kaiserpaar auf dem Weg ins Kieler Rathaus
Das Kaiserpaar betritt das Rathaus  -  Foto: Stadtarchiv  

Die Kaisertür

Die so genannte Kaisertür ebnete dem Kaiser den direkten Weg ins Oberbürgermeisterzimmer im zweiten Stock des Rathauses. Von diesem Zimmer aus sollte das Kaiserpaar auf die Terrasse über dem Hauptportal gelangen. Der Legende nach wurde sie nur zwei Mal durchschritten und zwar vom Kaiser - einmal als er das Zimmer betrat, einmal, als er das Zimmer verließ. Heute ist die Tür  zugemauert. Wer wissen will, wo sich die Kaisertür befand, muss nach dem Porträt des ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, Ausschau halten. Es hängt im zweiten Stock, Höhe Rotunde, rechts neben der Tür zum Vorzimmer des Oberbürgermeisters - in dessen Amtszimmer die Doppeltür übrigens noch heute zu sehen ist. Beim Festakt anlässlich der Einweihung im Rathaus beglückwünschte Kaiser Wilhelm II. Oberbürgermeister Paul Fuß und die Stadt Kiel „zu dem neuen monumentalen Schmuck der Stadt“. (Für Freunde getragener Worte: Hier finden Sie die Festreden von Kaiser Wilhelm II. und von Oberbügermeister Paul Fuß.)

Viele Teile des 1911 eingeweihten Rathauses haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind heute noch erhalten: Zum Beispiel die Eingangs- und Empfangshalle sowie die Rotunde im ersten und zweiten Stock. Wer sie betritt, wandelt also auf Kaisers Spuren - nicht nur am 12. November 2011, wenn das Rathaus 100 Jahre alt wird.

Imke Morgenroth