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100 Jahre Kieler Rathaus

Lebendige Stadtchronik in Sandstein

Wiederaufbau nach dem Krieg: Das Wandrelief im Wartebereich der Einwohnermeldestelle erinnert die Wartenden an diese schwere Zeit.
Wiederaufbau nach dem Krieg: Das Wandrelief vor der Einwohnermeldestelle erinnert an diese Zeit.
Foto: Bodo Quante

Vor der Einwohnermeldestelle im Kieler Rathaus sind am Donnerstagnachmittag fast alle Sitzplätze mit Wartenden belegt: Einige holen ihren Personalausweis ab, andere melden ihren Wohnsitz an. Dabei streift der Blick vieler Menschen über das Wandrelief „Bürger bauen eine neue Stadt“ von den Bildhauern Alwin Blaue (1896 bis1958) und Fritz During (1910 bis 1993), dass sich über den gesamten Hauptkorridor erstreckt.

Hier in der zentralen Anlaufstelle, dem Herzstück der Stadt, erzählt das Wandrelief aus Sandstein in neun Einzelszenen wie sich die Kielerinnen und Kieler aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges eine neue Existenz aufbauten. Aber das Relief begrüßt die Einwohnerinnen und Einwohner auch mit einer zeitlosen Botschaft: Es mahnt an den internationalen Frieden und zur Demokratie.

Andreas Gayks letzter Wunsch

Das Kunstwerk ist auf Wunsch des Oberbürgermeisters Andreas Gayk (1893 bis 1954) als Dank an die Kielerinnen und Kieler für ihre Aufbauleistungen entstanden.

In seinem kommunalpolitischen Testament wenige Tage vor seinem Tod schrieb Gayk: „Nicht die Jahre der Zerstörung, nein, die Jahre des Wiederaufbaus waren für die Bürger Kiels eine große Zeit. In seltener Einmütigkeit und Opferbereitschaft haben sie durch gemeinsame Anstrengungen Leistungen vollbracht, die unter keinen Umständen in der Hast und Geschäftigkeit unserer Tage untergehen dürfe. Sie sollten in der Geschichte unserer Stadt und damit im Herzen unserer Kinder wie eine schöne Sage fortleben.“

Rund 80 Prozent des Stadtgebiets waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Gayk trieb die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau in seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von 1946 bis 1954 energisch voran. Bald galt Kiel als eine der aufgeräumtesten Großstädte im Nachkriegsdeutschland.

Meißelschläge hallen nachts im Rathaus

Kiel wird wieder Grün: Nach dem Krieg sorgte Andreas Gayk für eine rasche Begrünung Kiels.
Kiel wird wieder Grün: Nach dem Krieg sorgte Andreas Gayk für
eine rasche Begrünung Kiels  -  Foto: Bodo Quante

Anfang Oktober 1956 begannen die Kieler Künstler During und Blaue mit den monatelangen Arbeiten am Wandrelief. Sie haben direkt in die Wandverkleidung gemeißelt. Während die Beamten und Angestellten der Stadt Feierabend machten, begann für die Bildhauer die eigentliche Arbeit: Oft bis in die Nacht hinein hallten ihre Meißelschläge durch den Rathausflur. Die Bildhauer einigten sich auf eine einheitliche Gestaltung: klare, reduzierte Formen und eine symbolhafte Bildsprache.

Das Hauptmotiv im Mittelrelief fasst den gesamten Wiederaufbau zusammen. Links vom Mittelteil gruppieren sich die Seitenbilder eins bis vier mit den Titeln „Lebensangst“, „Bombenopfer“, „Trümmerräumung“ und „Trümmerbegrünung“. Rechts vom Mittelstück geht es weiter mit den Seitenbildern sechs bis neun „Schiffbau“, „Der schaffende Mensch“, „Kieler Woche“ und „Jugend“. Die vierte bis siebte Szene stammen von Blaue, die übrigen von During.

Das Wandrelief erzählt, wie die Kielerinnen und Kieler das Trauma des Krieges überwinden. Das Chaos und die Zerstörung wandeln sie aus eigener Kraft in Wachstum und eine friedliche Gemeinschaft um.

Motive sind das ängstliche Warten im Bunker, die Mühen des Aufbaus und die Beseitigung der Trümmer. Es folgen die Bepflanzung der Ruinengrundstücke, der Häuserbau, die Neubesiedlung des Ostufers und die Kieler Woche. Das letzte Bild, die „Jugend“ ist das Gegenstück zum ersten, der „Lebensangst“. Es stellt die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft dar. Friedenssymbole sind durchgängig in den Reliefbildern zu entdecken: Zum Beispiel setzt sich im Hauptteil das Laubwerk des Baumes aus aufsteigenden Tauben zusammen.

Das Relief wurde am 24. Juni 1957 zur Kieler Woche von Stadtpräsident Wilhelm Sievers eingeweiht. Das Kunstwerk würdigt nicht nur den Einsatz der Kielerinnen und Kieler in der Stunde Null, sondern ist auch allen gewidmet, die der Stadt mit großzügigen Spenden geholfen haben. Eine wichtige Stütze waren die internationalen Beziehungen, die die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zu den Schweizern, amerikanischen Quäkern, den Mennoniten, der schwedischen Kinderhilfe und den Dänen unterhielt.

Melanie Kaacksteen