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100 Jahre Kieler Rathaus

Wie der Vers zur Melodie entstand

Seit 100 Jahren ertönt vom Rathausturm das Glockenspiel. Dazu dichtet noch heute der Volksmund: „Kiel hat kein Geld, das weiß die Welt, ob’s noch was kriegt, das weiß man nicht.“ Aber wie kam der Vers zum Glockenspiel? Hatte Kiel Geldprobleme? Fragen, die sich auch Dr. Hedwig Sievert, die Leiterin des Städtischen Archivs, stellte, die von 1939 bis 1972 tätig war. Sie beschrieb in einem Artikel in „Schleswig-Holstein“ vom Juni 1959 die Suche nach einer Antwort.

Aus Sieverts Bericht geht hervor, dass der Vers während der 1909 einsetzenden wirtschaftlichen Probleme und der Geldknappheit beim Bau des Rathauses von 1907 bis 1911 entstanden sein musste. Im Jahr 1909 stellte sich heraus, dass zwei Millionen Reichsmark für den Bau des Rathauses nicht ausreichen würden. Die Summe musste auf vier Millionen Mark verdoppelt werden. Die finanziellen Defizite während des Rathausbaus stießen auf Empörung in der Bevölkerung. Bürgervereine protestierten gegen das hohe Defizit, das es so zuvor in der Stadt Kiel noch nie gegeben hatte, und gegen zu erwartende Steuererhöhungen. Aus dem Artikel geht auch hervor, dass die steigenden Einwohnerzahlen die Stadt zwangen, sich zu vergrößern. Deshalb mussten große öffentliche Bauten errichtet werden, die wiederum finanziert werden mussten.

Im Juni 1911 stand es um den Haushalt besonders schlecht. Der Vers muss Sieverts Bericht zufolge zwischen dem 28. Mai 1911, dem Tag, an dem die Melodie des Glockenspiels zum ersten Mal erklang, und dem 12. November 1911, dem Tag der Rathauseinweihung, entstanden sein.

Fritz Wischer, Mittelschullehrer sowie plattdeutscher Schriftsteller und Rezitator, hatte sich nie vorstellen können, dass Kiel Geldprobleme gehabt haben soll. Er hielt dies damals für einen Handwerkerwitz. Geldknappheit habe es in Kiel nie gegeben, so Wischer. Er erklärte Archivrätin Sievert später, dass im alten Lokal „Landeskeller“ am Stammtisch der „Philharmonie“, einer Vereinigung der Handwerksmeister, „Kiel hat keen Geld, dat weet de Welt, ob dat wat kriegt, dat weet wi nich“ auf Plattdeutsch oft zitiert worden sei. Schenkt man den Aufzeichnungen Glauben, dann ist der Vers dort entstanden…

Um diesen Vers ranken sich allerdings auch viele Geschichten, die den Vers teilweise in einem anderen Kontext thematisieren. Im Jahr 1925 spielte das Funkstudio Kiel „Kiel hat kein Geld...“ als Pausenzeichen. Das Gedicht „Die Hallen-Revue“, das im März 1925 während des Baus an der Nordostseehalle, in der Gutenbergstraße direkt neben dem heutigen Professor-Peters-Platz, veröffentlicht wurde, griff den Reim auf. Die „Nordische Messe A.G.“ war zu dieser Zeit aufgrund der Bauarbeiten an der Halle, dort wo sich heute die Hauptfeuerwache befindet, in Schwierigkeiten geraten, sodass die Stadt einspringen musste. Und das klang dann so: „Kiel hat kein Geld! Das wird uns allen vom Rundfunk täglich zugeraunt. Kiel hat kein Geld, doch viele Hallen, bei deren Anblick mancher staunt“. Zum 75. Geburtstag der Kieler Woche 1957 veröffentlichten die Kieler Nachrichten den Vers: „Wat Kiel noch gelt in alle Welt, bewiest woll doch de Kieler Woch!“ Neben diesen Geschichten wurden regelmäßig in den Kieler Nachrichten Verse veröffentlicht.

Allerdings ist es nie gelungen, den spöttischen Vers: „Kiel hat kein Geld...“ zu verdrängen – und so ist noch heute im Kieler Volksmund von ihm die Rede.

Anna-Sophie Börries