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Wilhelm Spiegel (1876 - 1933)

* 22.06.1876 in Gelsenkirchen
† 12.03.1933 in Kiel (ermordet)
Amtszeit: 1919 - 1925

Stadtverordnetenvorsteher Wilhelm Spiegel
Wilhelm Spiegel

Wilhelm Spiegel wurde am 22. Juni 1876 in Gelsenkirchen als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Nach dem Abitur 1895 studierte er Jura in München, Berlin, Bonn und Kiel, wo er sich 1905 als Rechtsanwalt niederließ. Er wurde ein bekannter Strafverteidiger in Kiel und über Schleswig-Holstein hinaus.

Von Wilhelm Spiegel hängt ein Bild in der Porträtgalerie im Rathaus.

Ein angesehener Rechtsanwalt und Kommunalpolitiker

Schon 1909 machte er sich einen Namen durch den Freispruch seines Mandanten Julius Frankenthal, eines jüdischen Metallgroßhändlers. Diesem warf man Unterschlagungen großen Stils auf der Kaiserlichen Werft vor.

Spiegel und ein Essener Kollege widerlegten die Vorwürfe gegen Frankenthal und seine acht jüdischen Mitangeklagten. Außerdem wiesen sie den Ermittlungsbehörden „ein hohes Maß an Fahrlässigkeit, antisemitischer Voreingenommenheit und willkürlicher Verletzung der Strafprozessordnung nach“. „Am Ende war nicht mehr von 'jüdischem Betrug' und 'mosaischen Geschäftemachern' die Rede, sondern von der mangelnden Rechtlichkeit der preußischen Justiz und der Unfähigkeit der kaiserlichen Werftbeamten und Militärs“ (Volker Jacob).

1898 war Spiegel Mitglied der SPD geworden. Von 1911 bis zu seinem Tod gehörte er der Kieler Stadtverordnetenversammlung an, dessen Vorsitzender er von 1919 bis 1924 war. Dann legte er dieses Amt wegen starker beruflicher Belastung nieder. Außerdem wurde Spiegel 1909 zum stellvertretenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde gewählt.

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil. Als die Weimarer Republik 1920 durch den Kapp-Putsch bedroht war, schaffte Spiegel aus Altona mit einer Lokomotive Waffen zur Verteidigung der Republik herbei. Er bewies auch Mut und Tapferkeit, als er sich allein und ohne Schutz in die Kaserne in der Wik begab, wo er mit dem putschenden Freikorps Loewenfeld Verhandlungen aufnahm und den freien Abzug des Bataillons Claassen erreichte. Spiegel hatte damit weiteres Blutvergießen verhindert.

Spiegel: ein mutiger Gegner der Nationalsozialisten

Zivilcourage bewies Spiegel auch 1932, als er den Chef der Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung Kurt Wurbs verteidigte. Im März 1932 hatte dieser in dem sozialdemokratisch orientierten Blatt behauptet, Hitler bereite einen Bürgerkrieg vor. Die NSDAP erwirkte beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung gegen die Zeitung und ihren Chefredakteur. Spiegel vertrat Wurbs vor Gericht und wies auf den zunehmenden Straßenterror hin.

Hitler gab eine eidestattliche Erklärung ab, so dass die einstweilige Verfügung gegen die Zeitung bestehen blieb. In der folgenden Hauptverhandlung, zu der Spiegel Hitler persönlich vorgeladen wollte, erschien Ernst Röhm als Vertreter und behauptete, von der Vorbereitung eines Bürgerkrieges könne nicht die Rede sein. Das Gericht folgte der Argumentation. Die Nationalsozialisten gewannen den Prozess.

Heimtückischer und nie aufgeklärter Mord

Spiegel, der wie bisher vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten verteidigte, wurde nach diesem Prozess von den Nationalsozialisten als Feind angesehen. Nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, hatte Ende Februar 1933 ein hoher SS-Funktionär in Kiel dazu aufgerufen, Spiegel zu ermorden.

In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1933, in der Nacht vor der Kommunalwahl in Kiel, für die Spiegel wieder auf der Liste der SPD stand, wurde gegen 1.35 Uhr am Forstweg 42 geklingelt. Dort wohnte Spiegel. Seine Frau fragte durch ein geöffnetes Fenster, was los sei. Die Antwort lautete: „Aufmachen, Polizei.“ Vor der Tür standen zwei Männer, der eine in SA- oder SS-Uniform. Wilhelm Spiegel öffnete die Tür, die Besucher betraten die Wohnung. Plötzlich fiel ein Schuss. Spiegel war durch eine Kugel in den Hinterkopf tödlich getroffen. Er starb auf dem Weg in die Klinik. „Wilhelm Spiegel war das erste prominente Todesopfer der Nazis in Kiel“ (Udo Carstens).

Die beiden Täter und beiden Helfer entkamen unerkannt. Die Presse rief Tatzeugen auf, sich zu melden. Obwohl es zahlreiche Hinweise gab, die auf die Täterschaft von SA und SS an dem Mord hinwiesen, stritt die NSDAP jede Beteiligung ab und beschuldigte die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos, so dass die Staatsanwaltschaft diese aus Mangel an Beweisen einstellte.

Dietrich Hauschild kommt dennoch zu dem Schluss: „Auch ohne dass die Täter namentlich genannt werden können, erlauben die gesammelten Indizien jedoch nur den Schluss, dass es Nationalsozialisten waren, die - in der Nacht zwischen der Machtergreifung ihrer Partei und der Stadtverordnetenwahl - mit dem einflussreichen Stadtverordneten der SPD, Rechtsanwalt und Juden Dr. Spiegel einen dreifachen Gegner aus dem Wege räumten.“Auch erneute Untersuchungen nach dem Zweiten Weltkrieg blieben ohne Ergebnis.

Posthume Ehrungen

In Kiel wird des ungesühnten Mordes in vielfältiger Weise gedacht.

Das Grab Spiegels auf dem Urnenfriedhof wird seit 1946 als Ehrengrab geführt. Im Wandelgang des Rathauses erinnert seit 1953 ein Gemälde des Kieler Malers und Graphikers Niels Brodersen an Wilhelm Spiegel. Zum 60. Jahrestag seiner Ermordung ließen Ratsversammlung und Magistrat eine Tafel unter dem Bild mit folgendem Wortlaut anbringen: „Dr. Wilhelm Spiegel wurde in der Nacht vor der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 12. März 1933 in seiner Wohnung Forstweg 42 von Nationalsozialisten ermordet. Diese Tafel wurde 1993 zum 60. Todestag Wilhelm Spiegels in einer Zeit zunehmender rechtsradikaler Umtriebe angebracht. Geschichte darf sich nicht wiederholen. Nie wieder Faschismus und Rechtsextremismus!“

Im Gebäude des Kieler Landgerichts in der Harmsstraße erinnert seit 1993 ebenfalls eine Gedenktafel an den Rechtsanwalt und Notar Spiegel. Im Neubaugebiet Wellsee wurde 1993 eine Straße nach ihm benannt. Im Forstweg 42 liegt ein Stolperstein mit der Inschrift. „Hier wohnte Wilhelm Spiegel“. Am Eingang des Hauses Fleethörn 26, in dem die Stadtkasse und das Standesamt untergebracht sind, enthüllte die Stadtpräsidentin1995 eine Bronzetafel zum Gedenken an Spiegel. „Die Ratsversammlung ehrt sein Andenken und ruft alle Kielerinnen und Kieler auf, beharrlich gegen Unrecht und Rassismus einzutreten“, heißt es in der Inschrift.

Autorin: Christa Geckeler
Stadtarchiv Kiel

Literatur

  • Dopheide, Renate: Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Kiel und Umgebung, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 77, Kiel 1993, S. 147, S. 157 f., S. 184
  • Hauschildt, Dietrich: Juden in Kiel im Dritten Reich, Staatsexamensarbeit, Kiel 1980, S. 51-54, Stadtarchiv Kiel
  • Jacob, Volker: Wilhelm Spiegel 1876-1933. Ein politisches Leben - ein ungesühnter Tod, in Mitteilungen des Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 77, 1993, S. 109-140
  • Jacob, Volker: Wilhelm Spiegel. Jude - Anwalt - Sozialist, in: Gerhard Paul / Miriam Gillis-Carlebach (Hg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona (1918-1998), Neumünster 1998, S. 205-213
  • Jacob, Volker: Spiegel, Wilhelm, in: Hans F. Rothert (Hg.): Kieler Lebensläufe aus sechs Jahrhunderten, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 55, Neumünster 2006, S. 304-307
  • Schleswig-Holsteinische Landeszeitung vom 12. März 2008: Carsten, Udo: Wilhelm Spiegel - das erste Mordopfer der Nazis