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"Wir sind gemeinsam auf einem guten Weg"

Familie S. hat ein Pflegekind aufgenommen. Und das bei vier eigenen Kindern. Drei davon sind Teenager auf dem Weg zum Abitur. Das Jüngste ist noch Grundschulkind. Was hat die Familie dazu bewogen ein fremdes Kind in den eigenen Haushalt aufzunehmen? Und wie stellt sich das Leben mit dem Pflegekind dar? Patricia S. (47 Jahre) teilt ihre Erfahrungen.

Wie sind Sie und Ihr Mann, liebe Frau S., auf die Idee gekommen, sich als Pflegefamilie zur Verfügung zu stellen?

Plakat Wir sind eine Pflegefamilie, weil wir uns immer eine große Familie gewünscht haben

Vier Kinder, alle „aus dem Gröbsten“ heraus, großes Haus mit Garten, sehr gute Wiedereinstiegschancen in meinen alten Beruf – tatsächlich haben viele Bekannte und Freunde uns gefragt, warum wir uns das „noch mal antun.“ Dazu kann ich nur Folgendes sagen: sich um ein Pflegekind kümmern zu wollen, ist eine echte Herzensangelegenheit!

Wir hatten mal in der Nachbarschaft ein kleines Mädchen, das bei den Nachbarn in Pflege untergebracht war und das uns sehr vertraute. Das war für uns eine Art Schlüsselerlebnis. Formal ausgedrückt sind Pflegekinder Kinder, die auf bestimmte Zeit nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben. Und es sind Kinder, die meist eine Notlage erlitten haben, da sie häufig aus einer krisen- oder problembelasteten Familie kommen.

Emotional ausgedrückt sind es Kinder, die unendlich viel Liebe und Zuwendung brauchen. Die größte Herausforderung besteht für Pflegeeltern also darin, ein Kind, das man nicht wie in einem Spiegel „erkennt“ – also ohne dass eine vegetative Bindung aufgrund der gemeinsamen Gene besteht – so lieben zu können, dass es die liebevolle Zuwendung auch annehmen kann. Nicht nur mein Mann und ich, auch unsere vier Kinder haben gesagt: Das wollen wir versuchen. 

Wie war das erste Zusammentreffen mit Ihrem Pflegekind? Wie haben Ihre Kinder auf den „Neuankömmling“ reagiert?

Wie „richtige“ Geschwister. Mit allem Drum und Dran. Geschwisterstreitigkeiten gehören bei uns ebenso dazu wie Allianzen und Bündnisse. Da machen die Kinder eigentlich keinen Unterschied.

Besonders rührend war beim Kennenlernen unseres kleinen Pflegekindes der Moment der „Annahme“. Mein Jüngster sagte zu dem fremden kleinen Mädchen, das meinem Mann gerade in die Nase kniff: „Wenn du meine Schwester wärst, dann wäre das hier dein Papa!“ Und die Kleine antwortete: „Wo Papa?“ Damit wussten alle in der Familie: Die gehört jetzt zu uns!

Wie läuft es im Alltag?

Wir haben ein kleines Mädchen aufgenommen, das aus einem anderen Kulturkreis stammt. Die Kleine war etwa zwei Jahre alt, als sie zu uns kam. Jetzt kommt sie bald in die Schule. Zu der sehr jungen Mutter besteht nach wie vor Kontakt. Sie darf mit dem Kind allerdings nicht allein sein.

Unser Pflegekind sagt „Mama“ zu mir. Und es ist manchmal schwierig, der jungen Frau begreiflich zu machen, dass sie die Kleine nicht einfach umarmen und küssen darf, weil das Kind dies als übergriffig empfindet. Unser Pflegekind ist sehr intelligent und anhänglich. Sie ahmt mich nach. Und sie redet auf die gleiche Art und Weise, wie mein Mann und ich sprechen.

Erfahren Sie seitens des Pflegekinderdienstes genügend Unterstützung in schwierigen Phasen?

Das Leben mit einem Pflegekind erfordert von Pflegefamilien eine stabiles Beziehungsgefüge und heitere Gelassenheit im Alltag. Das ist wie bei eigenen Kindern auch – Ordnung schafft Frieden. Und „gütige Strenge“ gibt Sicherheit.

Mädchen

Ball

Zeichnung kleines Mädchen in blauem Kleid

Doch ohne Humor und ein sehr großes Herz wird man insbesondere diesen Kindern kaum gerecht. Da müssen auch schon mal nicht in frühester Kindheit geprägte Werte durch äußere Grenzen ersetzt werden.

Die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes sind enorm einfühlsam und zugewandt. Stets bereit, sich einzusetzen und zu helfen. Trotzdem ist es im Alltag nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar schwierig. Aber ich sage mir immer – wir sind gemeinsam auf einem guten Weg! Und die Momente der Stille entschädigen mich. Da spüre ich die innige Liebe und das Vertrauen meines Pflegekindes.

Frau S. - haben Sie einen Tipp für andere Menschen, die ein Pflegekind in ihren Haushalt aufnehmen möchten?

Wenn Sie sich in der Lage fühlen, liebevolle Zuwendung zu geben, dann geben Sie! Auch hier ist es eigentlich genau wie bei eigenen Kindern – nur noch bedingungsloser. Kinder sind nicht dazu da, eine Lücke im Herzen und im Leben von uns Erwachsenen zu füllen, sondern wir als Pflegeeltern haben die Aufgabe gut und liebevoll zu diesen Kindern zu sein.

Die leiblichen Eltern gehören zur Vorgeschichte des Kindes dazu. Akzeptieren Sie das. Und machen Sie keine Vorwürfe. Ein Stück weit adoptieren Sie die Herkunftsfamilie des Kindes immer mit. Es ist wichtig, dass Pflegekinder sich öffnen dürfen. Lassen Sie die „Gespenster der Nacht“ zu. Und sorgen Sie dafür, dass es – wie im Märchen – „ein gutes Ende“ nimmt.

Liebe Frau S. – vielen Dank für die Einblicke in Ihr Familienleben. Haben Sie zum Abschluss noch einen Wunsch für die Zukunft?

Zeichnung Junge mit Ball

Ich fände es schön, wenn sich noch mehr Familien aus der Mitte der Gesellschaft melden würden, die sich freiwillig um ein Pflegekind kümmern wollen. Die Unterstützung von Amts wegen ist toll. Keiner muss Angst haben, dass er gleich und sofort „in die Pflicht genommen wird“.

Sprechen Sie mit den Mitarbeitern des Pflegekinderdienstes. Und hören Sie einfach auf Ihr Bauchgefühl. Ich wünsche mir noch mehr Menschen, die Raum in ihrem Herzen und in ihren Familien für Kinder schaffen und die sich in der Lage fühlen ganz viel zu geben! Das wäre wunderbar.