Kieler Erinnerungstag:

10. November 1904
Einweihung der St.-Jürgen-Kirche am Sophienblatt

Die neue St.-Jürgen-Kirche oberhalb des Königsweges wurde am 12. Dezember 1954, am dritten Adventssonntag, durch Propst Asmussen eingeweiht. Zahlreiche Vertreter kirchlicher und weltlicher Behörden, darunter Bürgermeister Fuchs, nahmen an dem Festgottesdienst teil. In einer Feierstunde am Nachmittag in Anwesenheit von Bischof Halfmann, Oberkonsistorialrat Brummack, Ministerialdirektor Kock von der Landesregierung, Stadtbaurat Jensen, Propst Asmussen und Prof. Redeker von der Theologischen Fakultät bedankte sich Pastor Hahn von der St.-Jürgen-Gemeinde bei allen, die beim Zustandekommen des Kirchenneubaus mitgeholfen hatten. Z. B. hatten die Gemeindemitglieder 1300 DM durch Spenden aufgebracht.

Die Kirche, nach den Entwürfen des Architekten Ernst Mackh errichtet, war der erste große evangelische Kirchenneubau nach dem Krieg in Kiel. Mit ihren sieben hohen farbigen Chorfenstern, die den halbrunden Altarraum abschließen, mit der ebenfalls durch farbige Glasfenster geschmückten Taufkapelle, dem schlichten Holzkreuz über dem Altar und der Empore mit den großen Rundfenstern ist die Kirche in ihrer schlichten Klarheit ein Beispiel neuzeitlicher Kirchenbauweise. Zahlreiches Baumaterial und Kirchengerät der alten St.-Jürgen-Kirche wurde in dem neuen Gotteshaus wiederverwendet: Turmuhr, Kanzel, Taufstein und das gesamte Altargerät. Die von dem aus Husum stammenden Berliner Bildhauer Prof. Adolf Brütt geschaffene lebensgroße Christusfigur war zu stark beschädigt und ging verloren. Die Glocke der alten St.-Jürgen-Kirche läutete gemeinsam mit einer 1842 gegossenen Patenglocke aus dem Riesengebirge zum Festgottesdienst am Tag der Einweihung. Und Architekt Marckh übergab an Vertreter der Kirche von der gleichfalls wiederverwendeten Kirchentür denselben Schlüssel, mit dem die alte St.-Jürgen-Kirche 1904 zur Einweihung aufgeschlossen worden war.


Die alte St.-Jürgen-Kirche



Der Tag der Einweihung der neuen St.-Jürgen-Kirche fiel zusammen mit der Eröffnung des neuen Sophienblattes, d. h. der Verbreiterung der Straße zwischen Bahnhof und Hummelwiese. Hier aber, auf dem heutigen Parkplatz Sophienblatt, stand die alte St.-Jürgen-Kirche, die 1902 bis 1904 errichtet und am 10. November 1904 eingeweiht worden war, nachdem vorher die St.-Jürgen-Kapelle weichen musste. Die neue Kirche in der Südstadt bildete mit ihrem 58 Meter hohen Turm einen besonderen Akzent am Sophienblatt. Sie schloss den Platz, der nach der Beseitigung des Stadtklosters 1909 entstanden war, an der westlichen Bahnhofseite gegen den St. Jürgen-Friedhof ab. Innenräume und Außenfront des Gotteshauses waren der romanischen Backsteinarchitektur nachempfunden; als Grundform der Kirche wählte man eine gewölbte Basilika. Vor dem eigentlichen Kirchenraum wurde auf westlicher Seite zum Sophienblatt eine Halle vorgebaut, die die Zugluft abhielt und die Straßengeräusche dämpfte. Zur Minderung des Lärms vom Bahnhof ordnete man im Inneren hinter dem Chor einen Umgang an. Außerdem lag zwischen Kirche und Hauptbahnhof ein Hof von rund 10 Metern Breite, über den der Zugang zum St.-Jürgen-Friedhof führte.

Die 1944/45 stark zerstörte Kirche wurde für den Gottesdienst notdürftig wieder hergerichtet. In den Wintermonaten 1945/46 diente der Gottesdienstraum auch als Unterkunft für die Vertriebenen, Heimkehrer und Einheimischen, die auf dem Bahnhof ankamen und denen von der Stadtmission geholfen wurde. Die Kirchenbänke vor dem Altar wurden zu Schlafstätte für diese Menschen. Einmalig war die Beheizung der Kirche zu dieser Zeit. Eine Lokomotive auf einem Gleis des Bahnhofs schickte mit Genehmigung der Engländer Dampf durch die anmontierten Rohre in die Heizungsanlage der Kirche.

Das Gotteshaus wurde nicht wieder aufgebaut, denn die Ruine behinderte das neue Verkehrskonzept der Stadt. Der ständig wachsende Nord-Süd-Verkehr machte eine Verbreiterung des Sophienblattes notwendig. Am 25. Juli 1954 fand der letzte Gottesdienst in der Notkirche statt, dann wurde sie abgerissen. Die Gemeinde erhielt im selben Jahr die neue St.-Jürgen-Kirche in der Michelsenstraße.

Mit einem einwöchigen Festprogramm feierte die Gemeinde im September 2004 die Weihung der alten Kirche vor 100 Jahren und der neuen Kirche vor 50 Jahren.

Im Jahr 2005 vereint sich die St.-Jürgen-Gemeinde mit der Vicelin-Gemeinde und der Heiland-Gemeinde zur „Friedensgemeinde Kiel“.


Christa Geckeler




Literatur



Geckeler

, Christa (Hg.):Erinnerungen der Kieler Kriegsgeneration 1930/1960, Sonderveröffentlichung 45 der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Husum 2003

Kieler Nachrichten

vom 5. Juli 1954; 13. Dezember 1954; 14. Mai 1960; 27. April 1973

Kieler Zeitung vom 10.November 1904, Morgens

Wilde, Lutz

Denkmaltopographie, Landeshauptstadt Kiel, Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Neumünster 1995

Hansen

, Gerd: 1904 – 1954 – 2004 – Chronik von St. Jürgen in Kiel

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