Älter werden in KielPflegesymposium
21. Februar 2025
Pflege in Kiel gemeinsam gestalten
Etwa 150 Gäste folgten der Einladung von Stadtrat Gerwin Stöcken, hörten Vorträge und diskutierten über den Handlungsspielraum der Kommune in der Pflege, die Bedarfe von Pflegebedürftigen, Angehörigen und Pflegeakteur*innen und entwickelten Veränderungsideen und Lösungsansätze.
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Landeshauptstadt Kiel
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Planung und Quartiere
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Begrüßungen
Unter dem Motto:"Pflege in Kiel gemeinsam gestalten" hat Stadtrat Gerwin Stöcken in das Rathaus der Landeshauptstadt Kiel eingeladen.
Gerwin Stöcken dankt dem Amt für Soziale Dienste und insbesondere der Abteilung Planung und Quartiere für die Organisation der Veranstaltung. Gemeinsam mit Karl Stanjek, Vorsitzender des Beirates für Seniorinnen und Senioren und Samiah El Samadoni, Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein eröffnet Stadtrat Stöcken das Pflegesymposium.
In seinem Grußwort hebt der Stadtrat den demografischen Wandel hervor, insbesondere den Anstieg älterer Menschen durch die Generation der sogenannten Babyboomer. Er betont die wachsende Nachfrage nach barrierefreiem Wohnraum und plädiert für eine zukunftsorientierte Gestaltung von Wohnungen, die ein lebenslanges, komfortables Wohnen für alle Menschen ermöglichen.
Gerwin Stöcken verdeutlicht, dass das aktuelle System der Pflegeversicherung nicht alle Bedarfe abdecke. Viele Menschen können sich die erforderlichen Zuzahlungen nicht leisten und es sei schwierig, Pflegeangebote zu bekommen.
Er unterstreicht die Bedeutung vernetzter Nachbarschaften und fordert mehr Verantwortung für die Kommunen. Als positives Beispiel wird das Kieler Konzept der "Anlaufstellen Nachbarschaft - anna" genannt, das als Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen dienen könnte.
Karl Stanjek, Vorsitzender des Beirates für Seniorinnen und Senioren der Landeshauptstadt Kiel stellt die Fragen:
- Wie können Bedarfe und Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen wirksam verbessert werden?
- Wie können Wohnen und Pflege sozialraum- und lebensweltorientiert realisiert werden?
- Wie kann die Landeshauptstadt Kiel als Kommune ihrer Verantwortung für die Gestaltung von Präventions- und Versorgungsstrukturen im Bereich Pflege gerecht werden?
Der Beirat für Seniorinnen und Senioren versteht das Pflegesymposium als Einladung, Akteur*innen der Pflege zusammenzubringen.
Samiah El Samadoni, Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein, beschreibt anhand konkreter Beispiele aus ihrer Beratungspraxis, wie Pflegebedürftigkeit oft zu Altersarmut führt. Sie betont die Dringlichkeit einer Umgestaltung des aktuellen Pflegefinanzierungssystems, auch im Kontext von Strategien zur Bekämpfung von Altersarmut und verweist dabei auf das schwedische Modell als mögliches Vorbild.
Samiah El Samadoni unterstreicht angesichts des Fachkräftemangels die zentrale Rolle pflegender Angehöriger und fordert verstärkte Unterstützungsmaßnahmen. Als konkrete Ansatzpunkte nennt sie den Ausbau von Pflegestützpunkten zu einem Case- und Caremanagement sowie die Etablierung von „Caring Communities“ (Sorgende Gemeinschaften).
Vorträge
Für das Kieler Pflegesymposium konnten wir zwei renommierte Experten gewinnen, die mit ihren Vorträgen Einblicke in aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Gesundheits- und Sozialwesen bieten.
Stephan Herberg ist im Bereich Versorgungsforschung und Innovation bei der DAK-Gesundheit (Deutsche Angestellten-Krankenkasse) tätig. Er begleitet Innovationsfondsprojekte im Pflegebereich und leitet ein Fachzentrum für Pflege. Als Gesundheits- und Sozialmanager (M.A.) bringt er seit 2020 zusätzlich Lehrexpertise aus hochschulischer und beruflicher Bildung ein.
Hermann Allroggen, Jurist und seit 2021 BAGSO-Vorstandsmitglied (BAGSO - Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V.), war bis 2017 Dezernent für Soziales, Jugend und Gesundheit im Rhein-Sieg-Kreis. Gemeinsam mit Katrin Markus leitet er die BAGSO-Fachkommission „Gesundheit und Pflege“. Ehrenamtlich engagiert er sich seit über zehn Jahren im Vorstand der AWO Bonn/Rhein-Sieg.
In seinem Vortrag „Sicherstellungsauftrag in der Pflege“ wirbt Stephan Herberg für ein positives Bild des Alters und betont die Errungenschaften durch die höhere Lebenserwartung. Gleichzeitig kritisiert er, dass die seit Jahrzehnten vorhersehbaren Probleme in der Pflege und Pflegeversicherung nicht ausreichend in Planungen berücksichtigt wurden. Es sollte einen Sicherstellungsauftrag in der Pflege geben, um die Bedarfe einer „Gesellschaft langen Lebens“ gerecht zu werden. Er fasst zusammen: „Die Herausforderung einer Gesellschaft langen Lebens ist nicht nur politischer oder pflegerischer Versorgungsauftrag es ist eine der wesentlichen humanitären Herausforderungen für alternde Gesellschaften“.
Der demografische Wandel stellt das Rentensystem vor große Herausforderungen, da die Kranken- und Pflegeversicherung von einer schrumpfenden jungen Bevölkerung getragen wird. Stephan Herberg hebt hervor, dass die Pflege so gestaltet werden muss, dass Menschen würdevoll alt werden können. Die Finanzierung der Pflege muss angesichts der veränderten Bevölkerungsstruktur überdacht werden, wobei nicht primär Sparmaßnahmen, sondern eine Reform des Finanzierungsmodells angestrebt wird. In diesem Kontext werden Beispiele aus Skandinavien angeführt.
Stephan Herberg hebt hervor, dass viele Menschen mit Pflegebedarf und deren Angehörige den Wunsch haben, so lange wie möglich im häuslichen Umfeld versorgt zu werden. Kommunen sollten daher mehr Rechte erhalten. Eine quartiersnahe vernetzte Versorgung sowie ein zugehendes Case Management könnten dazu beitragen, die häusliche Pflege zu unterstützen. Darüber hinaus betont Stephan Herberg die Bedeutung der Nachbarschaftshilfe sowie der Prävention und Gesundheitsförderung.
Hermann Allroggen plädiert in seinem Vortrag „Neue Strukturen in kommunaler Verantwortung“ für eine stärkere Einbindung der Kommunen in die Gestaltung der Pflegeinfrastrukturen. Kommunen werden in der Gesamtverantwortung gesehen, die Pflege zu sichern. Dabei sei eine kritische Überprüfung des Systems Pflege notwendig. Es wird betont, dass Langzeitentwicklungen berücksichtigt werden müssen. Zudem wird eine Ressort- und Sektorenübergreifende Zusammenarbeit als essentiell erachtet, was in vielen Kommunen und zwischen verschiedenen Verwaltungsebenen oft nicht gegeben ist. Darüber hinaus werden gesundheitspräventive Strukturen gefordert. Zur Sicherung der Pflege ist eine Umverteilung finanzieller Mittel notwendig, wobei Kommunen mehr Geld von der Landesebene erhalten sollten.
Hermann Allroggen beschreibt, dass die Entwicklung der Pflegeinfrastrukturen mit der demographischen Entwicklung nicht Schritt gehalten hat, obwohl diese Trends lange absehbar waren. Viele Maßnahmen zur Gestaltung der Pflegeinfrastrukturen haben eher einen symptomatischen Charakter. Bei der Gestaltung der Pflegelandschaft müssen zahlreiche Lebensbereiche berücksichtigt werden, wie Wohnen, ÖPNV, Nahversorgung und Kostensteigerungen. In vielen Kommunen, besonders in kleineren oder ländlichen Gebieten, fehlen sogar gesetzlich vorgeschriebene Angebote wie Beratungsleistungen.
Es wird prognostiziert, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen von 2020 bis 2050 verdoppeln wird. Der politische Fokus liegt oft zu sehr auf den negativen Aspekten des Älterwerdens. Bei der Betrachtung von Pflegebedürftigen müssen auch die Angehörigen mitgedacht werden, da rund 80 Prozent zu Hause gepflegt werden.
Abschließend werden die Sozialplanung, Beratungsstellen, Begegnungsstätten, Partizipation zum Beispiel durch Senior*innenvertretung und das Quartiersmanagement als Handlungsfelder für kommunale Umsetzungsschritte betont.
Themenräume
In vier Themenräumen haben sich die Teilnehmenden mit aktuellen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Pflege auseinandergesetzt, diskutiert und Ergebnisse festgehalten.
In jedem Themenraum gab es einen oder mehrere Raumpat*innen, die ihre Expertise und Erfahrungen im Austausch eingebracht haben. Die Ergebnisse wurden auf Stellwänden gesammelt und fotografiert. Wir haben die Stichpunkte zur besseren Lesbarkeit aufgelistet.
Was kann die Kommune tun, um pflegende Angehörige zu stärken?
Raumpat*innen: Christina Schulz (Pflegestützpunkt in der Landeshauptstadt Kiel), Annette Mi-chels (Abteilungsleiterin Hilfe zur Pflege der Landeshauptstadt Kiel), Stefan Herberg (DAK – Ge-sundheit)
Psychische / emotionale Unterstützung
- 113 für die psychische Krise
- Hilfetelefon für pflegende Angehörige
- ausreichendes therapeutisches Angebot für alle
- Fastpath zur Psychotherapie für pflegende Angehörige
- Angebote resilienzfördernder Kurse für Angehörige schaffen / ausbauen
- auch emotionale, spirituelle und ethische Unterstützung für pflegende Angehörige
- Durchlässigkeit der Leistungen der Pflegeversicherung – psychosoziale prozess-orientierte Begleitung der Familien
Finanzielle Unterstützung / Wertschätzung
- Entlastungsbetrag auch für Angehörige (131€)
- Pflege muss entlohnt werden, z.B. nach Vorbild Elterngeld
- mehr Unterstützung und finanzielle Entlastung
- Zuzahlung über 3000€ für Pflegeeinrichtungen zu teuer
- Freibeträge sind zu hoch
Praktische Unterstützung
- aufsuchende und zugehende Beratung im Quartier
- Kieler Hausbesuche
- Nachbarschaftshilfe ausbauen
- Stärkung der Pflegestützpunkte
- Pflegestützpunkte mit pädiatrischer Kompetenz für Beratung pflegender Eltern
- Urlaub für pflegende Angehörige
- Pflegekompetenzzentrum
- ‚Pflegehotels‘ Finanzierung unklar
- solitäre Kurzzeitpflege nicht nur für Hochaltrige
- Tagespflege statt Tagesbetreuung auch für Pflegegrad 4 und 5 und Menschen mit hochkomplexem Pflegebedarf
- Young (Adult) Carer unterstützen (erst einmal erkennen und wahrnehmen)
- Burgenlandmodell
- schnellere Kurzzeitpflegeplätze
- Partizipation Inst. Unterstützung
- Ferienbetreuung für Kinder mit Behinderungen zur Entlastung der Eltern, die sich keine sechs Wochen Urlaub nehmen können
- Pflegeeinrichtungen für psychisch Erkrankte bzw. für Personen mit herausfordern-dem Verhalten
- Verfahren ohne Anträge organisieren (Leistungen für Pflegebedürftige und Angehörige)
- Bürokratieabbau z.B. durch Alltagsförderungsverordnung
Öffentlichkeitsarbeit
- Öffentlichkeitsarbeit zu Pflegestützpunkt etc. in Kooperation mit NDR 2: Themenwoche
- Öffentlichkeitsarbeit ausbauen
- Themenwoche Pflege im TV
- Bekanntmachung der Selbsthilfe für pflegende Angehörige www.pflegebistro.de
- Bekanntmachung der Unterstützungsleistungen und Beratungen der Pflegestütz-punkte als Postwurfsendung einmal im Jahr an alle Haushalte
Weiteres
- Situation im Pflegeheim reicht nicht für das, was man sich für Angehörige wünscht
- Übergang zwischen Klinik und Zuhause nicht als Geriatrie bezeichnen
- Pflege von Kindern und Jugendlichen ist in fünf BGBs geregelt
- Angst vor mangelnder Pflege im Heim / durch Fachfremde
Wie kann die Kommune Unternehmen dabei unterstützen, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten?
Raumpatin: Iris Gebh (Pädagogische Leiterin des Bildungszentrums der Westküstenkliniken in Heide)
Persönliche Wahrnehmung:
- Wertschätzung reicht nicht aus
- Offboarding: aus Kündigungen lernen
- Fähigkeiten der eigenen Pflegefachkräfte nutzen
Transparenz:
- Ich weiß, was mich bei meinem Arbeitgeber erwartet
- Transparenz über Ausbildungen
Was kann die Kommune tun?
- Unterstützung eines Netzwerks zum Wissenstransfer z.B. durch Schulun-gen
- Unterstützung ausländischer Fachkräfte (Sprache lernen, Wohnung finden, Anerkennung der Ausbildung)
Soziale Gemeinschaft:
- Austausch unter den einzelnen Berufsgruppen
- Vernetzung und Synergien
- Kompetenzen der Pflegekräfte im Bereich Umgang mit Demenz
- Wertekonzept soziale Verantwortung
Was kann die Kommune tun?
- Helfende Gemeinschaften etablieren
Rahmenbedingungen:
- Ausbildung = größerer Fokus
- Fluktuation der Leitungskräfte
- Wenig Identifikation mit der Einrichtung
- Zeitarbeitsfirmen als Konkurrenz
- Geringeres Gehalt für Festangestellte vs. Zeitarbeit
- Was bietet mein AG, was bieten andere AG?
- Springerpool/Kooperation verschiedener Einrichtungen
- Eigene Azubis halten
- Einarbeitung
- Mitgestalten im Dienstplan
- Verlässliche Arbeitszeit, verlässliche Freizeit
- Hilfsmittel und körperliche Unversehrtheit
- Pflegekräfte entlasten durch Betreuungskräfte
- Pflege = Massenabfertigung
- Den eigenen professionellen Ansprüchen gerecht werden
- Wunsch: So pflegen, wie ich selbst gepflegt werden möchte
- Zu viel Arbeit, nur hetzen
- Psychische und physische Belastungen reduzieren
- Pflegeeinrichtungen = wirtschaftliche Unternehmen
Was kann die Kommune tun?
- Busverbindungen ausbauen
- Zeitarbeitsfirmen stoppen
- Wohnraum für Pflegekräfte zur Verfügung stellen
- Kommunaler Pool an Springkräften ausbauen (Alternative zur Zeitarbeit)
Wie kann die Kommune Einfluss auf die Verbesserung der Gesetzgebung nehmen?
Raumpat*innen: Sabine Naumann und Torsten Kutscher (Heimaufsicht der Landeshauptstadt Kiel), Sven Peetz (vdek), Friederike Scholz (Städtetag)
- Daseinsvorsorge als Kommune definieren
- Klare Zuordnung der Verantwortung wer ist wann für was verantwortlich?
Was muss generell gesetzlich geändert werden?
- Pflegegeld –wie z.B. Elterngeld
- Geld für Maßnahmen/ Prävention
- Gezielte Struktur (-planung) notwendig
- Verwaltungsstrukturen verändern
- Altenhilfegesetz im Land muss durchfinanziert sein
- Altenhilfe verbindlich gestalten muss durchfinanziert sein
- Pflegevollversicherung
- Steuerungskompetenz bei den Kommunen
- Legislaturübergreifende pol. Maßnahmen
Möglichkeiten der Kommune
- Lobbyarbeit durch die Kommune
- Mögl. Einfluss auf Kriterien des MDK
- Fachexpertise i.d. Politik
- Parkflächen für Pflegedienste
- Halteregelungen
- Quartiersarbeit „annas“
- „Kümmerer“ oder „Gemeindeschwestern*brüder“
- Beratungsstruktur: dezentral in Einrichtungen
- Kommunale Pflegeeinrichtungen
Wie kann die Kommune sich aktiv in die Gestaltung von innovativen Präventions- und Versor-gungsstrukturen einbringen?
Raumpate: Hermann Allroggen (BAGSO)
Partizipation von Bürger*innen
- Es braucht Impulse aus der Bevölkerung für konkrete Schritte in der Politik
Perspektivwechsel und neue Art zu denken
- Unsere Art zu denken steht uns oftmals im Weg
- Zum Beispiel beim Thema Haftung im Kontext von Demenz. Es braucht mehr (rechtliche) Freiheiten zum Handeln
- Es braucht einen Perspektivwechsel von „es geht nicht“ zu „es geht“
- Beispiel Niederlande und Demenzeinrichtung: „Zäune gibt es nicht. Die Be-wohner*innen bringen uns die Nachbar*innen wieder.“
- Der rechtliche Rahmen/die Auslegung wird von Anwälten/Gerichten beein-flusst:
o Welche Auswirkungen hat entsprechendes Handeln für die Fachkräfte?
o Welche Hemmnisse stehen einer neuen Art des Denkens etc. im Weg?
Intergenerationale Bezüge herstellen
- Jung und alt nicht gegeneinander ausspielen
- Jung vs. alt überwinden
- Alt sein oftmals gleich abgeschrieben sein
- Aber auch die Erfahrung: „Ich fühle mich nicht abgeschoben im Alter:“
- Generationen sollen sich mischen
- Generationenübergreifend denken
Ehrenamt und Hauptamt verbinden
- Mental loading: Was ist eigentlich im Bewusstsein?
Caring-Communities
- Helfende Gemeinschaft entwickeln (nicht nur individuelles Denken)
- Helfende Gemeinschaft (versteht hier: in Vorleistung gehen, solange man kann, um dann etwas zurückzubekommen): auch hier können annas federfüh-rend sein um entspannt älter zu werden
- Helfende Nachbarschaften müssen begleitet und gebildet werden (in diesem Zusammenhang wurde auch „Mental Load“ genannt)
- Weiterentwicklung der annas; finanzielle Ausstattung sichern zur Schaffung von Strukturen
- Infrastrukturen müssen mitwachsen (Bsp annas)
- Die annas werden sehr positiv gesehen. Die Entwicklung darf jedoch nicht ste-hen bleiben!
Stationäre Einrichtungen im Sozialraum
- Einrichtungen sollten sich in den Sozialraum hinein öffnen.
- Zum Beispiel durch die Bereitstellung von Räumen.
- Dafür gibt es bereits gute Beispiele, wie bspw. Das Angebot eines Mittags-tischs für die Nachbarschaft
- Kultur ins Haus holen; Angebot von Rikschas
- Es steht und fällt mir der Leitung im Haus. Es braucht Engagement und Kreati-vität der Leitungen.
- Ernährungsangebot im stationären Kontext sollte vielfältiger und differenzierter sein. Beispiel glutenfreie Ernährung. Einstellen auf Bedarfe. Essen soll Spaß machen!
- Beispiel aus Dänemark: inklusives Versorgungssetting. Gebäude gehört der Kommune. Kosten entstehen in Abhängigkeit vom Einkommen. Zentrale Lage der Einrichtung. Offene Kultur. Hühnerzucht im Garten
Junge Menschen in der Pflege mitdenken
Sonstiges
- Strukturen auf dem Land: Für alle wichtig!
- Potenzial der Digitalisierung liegt noch brach
- Digitalisierung im Pflegebereich / Gesundheitsbereich
- Pflegedienste sozialraumnah
Gesprächsrunde
In der abschließenden Gesprächsrunde wurden die vielfältigen Impulse aus den Themenräumen aufgegriffen und gemeinsam mit den Expert*innen der Pflege ein Fazit gezogen.
Den Abschluss des 1. Kieler Pflegesymposiums bildete eine Gesprächsrunde, die von Andrea Schnücker-Schulz, der Abteilungsleitung des Fachdienstes Inklusion und Älter werden im Quartier im Amt für Soziale Dienste der Landeshauptstadt Kiel moderiert wurde. Mit ihr auf dem Podium saßen Samiah El Samadoni (Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Land Schleswig-Holsteins), Brigitte König (Stellvertretende Vorsitzende des Kieler Beirats für Seniorinnen und Senioren), Stephan Herberg (Leiter des Fachzentrum Pflege und häusliche Krankenpflege des DAK), Hermann Allroggen (Vorstandsmitglied der BAGSO), Iris Gebh (1. Vorsitzende des Pflegerat Schleswig-Holstein) sowie Gerwin Stöcken (Kieler Stadtrat für Soziales, Wohnen, Gesundheit und Sport).
Brigitte König stellt heraus, dass die Kommune aus Sicht des Beirats für Seniorinnen und Senioren, in die Lage versetzt werden muss, für die ‚großen Baustellen‘ der Pflege in Kiel Verantwortung zu übernehmen. Zur Sicherstellung der Daseinsvorsorge brauche sie Mittel, Personal und finanzielle Möglichkeiten. Dabei dürfe „der ältere Mensch mit all seinen Befindlichkeiten [nicht] zur Belastung [für die Gesellschaft] werden“. Wichtig hierfür sei eine auskömmliche Rente und eine Vollkaskoversicherung in der Pflege. Außerdem wünsche sich der Beirat eine Zwischenstation zwischen Krankenhausentlassung und Rückkehr in die Häuslichkeit – Stichwort Pflegehotel.
Diesbezüglich hofft Stadtrat Stöcken, dass sich hier bald eine Einigung finden wird und dieses schon länger diskutierte Thema dann endlich auch angegangen werden kann. Er sieht dabei auch die Pflegekassen in der Verantwortung und würde sich wünschen, dass sich diese auch offen gegenüber neuen und bisher noch nicht erprobten Ideen zeigen würden.
Brigitte König hebt zudem hervor, dass sich der Wohnungsmarkt ändern müsse, um adäquate Wohnsituationen für ältere Menschen vorzuhalten. In diesem Zusammenhang befürwortet sie auch das Instrument der Heimaufsicht, welches allerdings Wohngemeinschaften und betreutes Wohnen nicht umfassen würde. Zudem sollte diese im sozialen Bereich der Stadtverwaltung angesiedelt sein.
Positiv hebt sie den Kieler Pflegestützpunkt, die Kieler Hausbesuche, die Anlaufstellen Nachbarschaft (anna) sowie die anna-Netzwerke hervor. Zudem begrüßt sie die Teilnahme des Beirats an Auswahlverfahren für Demenz- und Mehrgenerationenprojekten ebenso Kiels aktiven Umgang mit dem Thema ‚Gesundheit im Alter‘, der sich zum Beispiel durch verschiedene Thementage zeigt.
Samiah El Samadoni, die ebenfalls aktiv an der Gruppenarbeit teilnahm, hebt das Dauerthema der Pflegefinanzierung hervor. Hier sollte auch über andere Finanzierungssyteme gesprochen werden. Es wären in der Vergangenheit leichtfertig ordnungspolitische Entscheidungen (zum Beispiel Privatisierung) getroffen worden, bei denen fraglich sei, wie diese rückgängig gemacht werden könnten damit die bürgernahe Kommune wieder handlungsfähiger und innovativer werden könne. Die Stadt Kiel habe hier wegen ihres Pragmatismus und Ideenreichtums großes Potenzial. Als Vorbild nennt El Samadoni das Modell der Sozialraumorientierung im Kreis Nordfriesland, welches mit weniger Anträgen funktioniere und Leistungen direkter abrufbar mache. Zudem wünsche sie sich einen Ausbau der Pflegestützpunkte zum ‚Case- und Caremanagement‘. Dieser sei schnell umsetzbar und wirksam.
Stephan Herberg hebt die präventiven ‚Kieler Hausbesuche‘ als innovative Idee hervor. Ebenfalls sei er diesbezüglich an den Anlaufstellen Nachbarschaft (anna) interessiert.
Hermann Allroggen zeigt Unverständnis darüber, dass pflegende Angehörige vom Gesetzgeber nur unzureichend beachtet werden und ihnen damit nicht der notwenige Spielraum zugestanden wird. Für eine solidarische Gesellschaft sei es unerlässlich, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Pflege würdig vollbracht werden kann. Es sei an Kommunen und Spitzenverbänden dieses Thema voranzutreiben.
Angesichts des langbekannten ‚Knickpunkts 2030‘, an dem weniger neue Pflegekräfte dazu kommen als in Rente gehen, sieht Iris Gebh die Herausforderung darin, diesen gesellschaftlich wichtigen Beruf zu stärken und attraktiv darzustellen. Es brauche Arbeitsbedingungen, die Menschen im Beruf halten und ihnen Zufriedenheit ermöglichen. Die aktuelle „Mindestbesetzungen für das Notwendigste“ sei dafür nicht ausreichend. Zudem sollten Menschen aus dem Ausland wertschätzend behandelt werden, da sie dringend gebraucht werden. Aber auch pflegende Angehörige müssten gestärkt werden. Ebenso brauche es effizientere Austausche und Vernetzung um lohnenswerte Projekte zu stärken. Iris Gebh fragt daher, wo Kommune, Land und Bund zusammenarbeiten können.
Auf die Frage von Frau El Samadoni an Frau Gebh, ob das ‚verpflichtende Gesellschaftsjahr‘ eine Chance zur Stärkung der Pflege sein könnte, bekräftigt diese die aktuelle Diskussion. Junge Menschen, der orientierungslosen ‚Gen Z‘ hätten damit die Möglichkeit den Beruf und unterschiedliche Einrichtungen zu erleben und sich für ihn zu entscheiden.
Zum Abschluss lobt Gerwin Stöcken den Verlauf des Pflegesymposiums, bedankt sich bei Gäst*innen, Besucher*innen und dem Organisationsteam. Mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl mahnt er zur Teilnahme an dieser, da die künftige Bundesregierung Auswirkungen auf die kommunale Pflege haben wird.
Ausblick
Im Rahmen der Kieler Pflegekonferenz wird regelmäßig an den Themen weitergearbeitet. Die nächste Pflegekonferenz findet voraussichtlich am 17. Oktober 2025 statt.
Neu in Kiel: Seit dem Frühjahr 2025 gibt es die Kieler Hausbesuche, die Information, Beratung, Orientierung und Vernetzung für Menschen ab 75 Jahren bieten.
2025 gibt es bereits zwölf anna-netzwerke, in denen sich engagierte Nachbar*innen treffen und in ihrem Engagement von den anna Leitungen unterstützt werden. Nach und nach werden diese Netzwerke weiterentickelt und in jedem Kieler Ortsteil gegründet.