Nachhaltiges Kiel

Wir machen Zukunft

In Kiel gibt es viele engagierte Menschen, die sich mit guten Ideen und viel Tatendrang dafür einsetzen, dass unsere Fördestadt nachhaltig und zukunftsfähig wird.

Jeden Monat stellen wir eine*n Kieler Zukunftsmacher*in in einem Kurzinterview vor. Sie kennen Leute, die unbedingt dazugehören? Dann lassen Sie uns das gerne wissen.

 

November 2021 Rabea Bahr - Li(e)ber Anders in Gaarden

Frau mit kurzem Pony und hellen Haaren auf dem Vinetaplatz in Gaarden.
Foto: Rabea Bahr, Photograph: Gunnar Detlefsen
Was hat Dich nach Kiel geführt?

Der Zufall. Als mein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Hamburg zu Ende ging, stand ich vor der Entscheidung, wie es weitergehen soll. In Hamburg bleiben? Den „großen Schritt“ nach Berlin wagen? Oder doch wieder zurück nach Neumünster? Obwohl ich nie nach Kiel wollte, wurde ich überzeugt: Eine tolle WG mit noch tolleren Menschen ließ es mich wagen, der Stadtteil Gaarden gewann direkt mein Herz und als ich dann auch noch einen Studienplatz fand und den Stadtteilladen Li(e)ber Anders kennenlernte, wollte ich nicht mehr weg!

Was genau machst Du?

Ich organisiere mich mit anderen Gaardener*innen im Stadtteilladen Li(e)ber Anders des Vereins zur Förderung der politischen Bildung in Gaarden e.V. Unser Laden funktioniert selbstorganisiert. Er wird in einem solidarischen und gleichberechtigten Durch- und Miteinander von allen gefüllt und verwaltet, die Lust darauf haben und Räume brauchen. Dazu gehören politische Gruppen und Organisationen, aber auch Einzelpersonen und Anwohner*innen. 

Unser Laden existiert nun schon seit 30 Jahren. Er entstand 1991 als Arbeitslosenladen der Arbeitsloseninitiative e.V.. Im Jahr 2007 kam es zu einer Neustrukturierung, das Li(e)ber Anders wurde zum Stadtteilzentrum. Bei uns finden sich Menschen aus dem Stadtteil zusammen, um sich gegen soziale Ungerechtigkeiten und politische Missstände im Kleinen wie im Großen zu wehren. Wir bieten eine Sozial- und eine Mieter*innenberatung an. Bei uns finden Menschen einen warmen Raum, in dem sie unabhängig vom Geldbeutel einen Kaffee trinken und sich austauschen können. 

Hier kämpfen wir gegen Mieterhöhungen, gegen Verdrängung und für einen solidarischen Stadtteil. Unser generelles Ziel ist die Abschaffung von strukturellen Ungleichheiten. Mit unseren Angeboten wollen wir diese nicht ehrenamtlich auffangen, sondern vor allem erproben, wie ein anderes Miteinander möglich ist, in dem alle Menschen ein gutes Leben haben.

In den letzten Monaten lief aber alles ein bisschen anders: Überraschend haben wir nach 30-jähriger Nutzung eine Kündigung für unsere Räume erhalten. Wir waren entsetzt und haben alles versucht, damit die Kündigung zurückgezogen wird. Das hat leider nichts gebracht und wir mussten zum 31. Juli raus. Zurzeit sind wir in einem Übergangsladen, haben aber zum 1. Januar etwas in Aussicht. 

Die Kündigung hat uns aber auch gezeigt, wie viele Menschen hinter uns, unserem Projekt und der Idee stehen. Wir haben viel Solidarität erfahren. Rund 100 lokale und überregionale Initiativen, Gruppen, Läden, Projekte und Akteur*innen aus dem politischen und kulturellen Bereich haben uns mit einem offenen Brief unterstützt. Mehr als 500 Menschen haben unsere Online-Petition für den Erhalt des Stadtteilladens unterzeichnet. Über 350 Menschen haben sich unserer Demonstration in Gaarden angeschlossen und sind gegen die Kündigung auf die Straße gegangen.

"Ladengeschäft gesucht" - Das Li(e)ber Anders sucht neue Räumlichkeiten
Welche SDGs sind von Deinem Engagement besonders berührt?

Zahlreiche gesellschaftliche Missstände und Ungerechtigkeiten treten in Gaarden noch verschärfter zu Tage als anderswo: Armut, Ausbeutung, Verdrängung durch steigende Mieten, patriarchale Gewalt, Betroffenheit durch Rassismus, Stigmatisierung, staatliche Repression. Wir wollen einen Ort bieten, an dem Menschen unabhängig solcher Zuschreibungen und finanzieller Zwänge zusammenkommen, sich dagegen zur Wehr setzen und ein solidarisches Miteinander ausprobieren können. Somit hat unsere Arbeit starke Bezüge zu dem SDG 1 „Keine Armut“ und SDG 10 „Weniger Ungleichheit“. Zentral für unser Engagement im Stadtteil sind die Themen erschwingliche Mieten sowie eine partizipative und inklusive Gestaltung von Städten. Diese Themen sind im  SDG 11 „Nachhaltige Städte und Gemeinden“ zu finden.

Vor der Pandemie gab es regelmäßig eine „Küche für alle“, bei der Menschen kostenlos und/oder gegen Spende ein warmes Essen bekommen. Das SDG 2 „Kein Hunger“ ist auch hier Thema. Während der Covid19-Pandemie gewann auch das SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“ für unser Engagement an Bedeutung: Das Nachbarschaftsnetzwerk Gaarden solidarisch gegen Corona entstand. In der Zeit des pandemischen Ausnahmezustands organisierten wir gegenseitige Hilfe von und für Gaardener*innen. Dabei wurden unter anderem medizinische Masken und Desinfektionsmittel kostenlos auf dem Vinetaplatz verteilt. Corona trifft nämlich einige mehr als andere: Ungleichheiten traten hier besonders zu Tage. Es wurde offensichtlich, dass es auch soziale Risikogruppen aufgrund von Geschlecht, Klasse und Herkunft gibt. In Gaarden wurden die Menschen damit allein gelassen und öffentlich in Zeitungen und Fernsehen stigmatisiert. Dem wollten wir innerhalb des Viertels etwas entgegensetzen.

Unser Laden ist ein Raum für Bildung SDG 4 „Hochwertige Bildung" : Wir haben etliche Broschüren, Zeitschriften, eine ein großes Bücherregal und Menschen, die Lust haben, zu diskutieren und sich auszutauschen. Bei uns gibt es Platz für Veranstaltungen, den unterschiedliche Gruppen nutzen. Es gab Lesekreise, Diskussionsrunden etc.. Dabei stehen vor allem Themen wie Antifaschismus, Antirassismus, Klimaaktivismus, Feminismus (SDG 5 „Geschlechtergleichheit“) und soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt. Die Redaktion der Stadtteilzeitung „Solidarisches Gaarden“ ist Teil unseres Ladens. In der Zeitung werden verschiedene Themen behandelt, die den Stadtteil prägen und bewegen, beispielsweise die Wohnraumsituation, der feministische Streik am 8. März oder die Pandemie. In jeder Ausgabe gibt es zudem die Rubriken „Gaarden A-Z“, und „Gaarden stellt sich vor“.

Aber: All das orientiert sich nicht an Leitlinien, die dafür da sind, ein System zu stützen, das auf Ungleichheiten gebaut ist. Vielmehr liegt der Ausgangspunkt in den konkreten Erfahrungen der Menschen, der Einordnung in größere Zusammenhänge und dem Willen, ein lebenswertes Leben für alle Menschen zu schaffen. Solange Wirtschaftswachstum Teil solcher Leitlinien ist, können viele dieser Ziele nicht erreicht werden. Egal, ob es als nachhaltig und grün gelabelt wird oder nicht. Ungleichheiten gehören zu diesem System, das davon lebt, dass manche Menschen viel haben und andere wenig. Und das funktioniert nie gerecht.

Stadtteilzeitung
Stadtteilzeitung "Solidarisches Gaarden" im Schaufenster des Li(e)ber Anders
Warum findest du Nachhaltigkeit wichtig?

Ich denke, dass Nachhaltigkeit eine der wichtigsten Voraussetzungen eines solidarischen Miteinanders ist – und damit meine ich jeglichen gesellschaftlichen Bereich. Ob beim Thema Klima, Wohnraum, soziale Gerechtigkeit, Antirassismus, (hier könnte ich noch viele nennen) – Missstände können nur behoben und drohende Katastrophen verhindert werden, wenn Nachhaltigkeit an erster Stelle steht. Leider ist das meist nicht der Fall. Das wird beispielsweise bei Maßnahmen wie Hartz4, dem Bau eines Abschiebeknasts und natürlich im Kampf gegen den Klimawandel mehr als deutlich. 

Auch hier in Gaarden gibt es viele Herausforderungen. In den Gesprächen, die ich im Laden und bei unseren Aktionen mit Gaardener*innen führe, wird das immer wieder deutlich. In unserem Viertel leben viele Menschen in Armut, was Probleme wie Wohnungsnot oder Suchtkrankheiten zur Folge hat. Pläne wie ein „Imagewandel des Ostufers“ und eine „Gentrifizierung“ des Stadtteils sehe ich in Bezug darauf sehr kritisch. Was die Folgen solcher Gentrifizierungsdynamiken sind, wird in verschiedenen Städten deutlich. Menschen aus Gaarden haben genau davor Angst: Sie fürchten ihre Wohnungen zu verlieren, öffentliche Räume nicht mehr nutzen zu können und schließlich aus Gaarden verdrängt zu werden. 

Durch unsere Arbeit bekommen wir mit, dass solche Auswirkungen schon jetzt konkret werden. Diese Probleme dürfen nicht einfach nur örtlich verlagert werden. Wir brauchen nachhaltige Lösungen für diese Probleme. Bei Partizipationsprozesses ist es daher von immenser Wichtigkeit, dass die sozialen Gruppen, die oft übersehen werden und/oder sich nicht angesprochen fühlen, mitgedacht und dabei andere Formen der Kommunikation ausprobiert werden. Dazu kann mit verschiedenen sozialen Einrichtungen aus dem Stadtteil, wie beispielsweise dem Hempels zusammengearbeitet werden. Das kostet natürlich viel Zeit und Aufwand. Ich glaube aber, das ist es wert. 

Gemeinwohl und Nachhaltigkeit müssen vor wirtschaftlichen Interessen stehen – sei es auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene. 

Frau im Ponyfrisur und hellen Haaren auf einer Bank sitzend am Vinetaplatz
Rabea Bahr auf dem Vinetaplatz in Gaarden
Kiel 2030 - was ist Deine Vision für unsere Stadt?

Ich könnte hier die größten Utopien beschreiben, aber neun Jahre ist realistisch betrachtet nicht viel. Ich versuche es mal: 

Anschließend an den Volksentscheid „Deutsche Wohnen enteignen“ wurde Wohnraum flächendeckend vergesellschaftet. Die Menschen organisieren ihr Leben selbst. Dafür kommen sie beispielsweise zu einer Wohnblockversammlung zusammen, Delegierte wiederum als Stadtteilversammlung usw.. Sogenannte „alternative“ Wohnformen sind gar nicht mehr so alternativ. Neben dem Wagenplatz Schlagloch, der inzwischen eine tolle Fläche bekommen hat, gibt es einige andere Wagenplätze, es gibt kollektive Wohnprojekte, in denen verschiedene Menschen zusammenkommen. 

Fragen des Miteinanders und der Versorgung der Menschen - die sogenannte Care-Arbeit - werden kollektiv angegangen. Lebensnotwendige Berufe beispielsweise im Pflegesektor oder in der Reinigungsbranche werden als solche anerkannt. Alle Menschen bekommen faires Geld für ihre Arbeit, Reichtum wird gerecht geteilt. Alle Menschen, und damit meine ich ALLE, bekommen bedingungslos ein Grundeinkommen, die Arbeitswoche ist auf maximal 20 Stunden begrenzt. Mehr ist nicht nötig, weil nicht mehr Wirtschaftswachstum, sondern ein bedürfnisorientiertes Leben im Mittelpunkt steht. So haben auch alle Zeit, das zu machen, was sie wollen, egal ob es ganz viel schlafen, ganz viel lesen oder ganz viel mitgestalten ist. 

Apropos Gestalten: Der öffentliche Raum wird komplett umgestaltet. Wie genau, das entscheiden natürlich die Menschen aus den jeweiligen Vierteln. Dabei wurde sich ein Beispiel am OnSpace in Gaarden genommen, der die Umgestaltung des Bahide-Arslan-Platzes gemeinsam mit Gaardener*innen, den Angehörigen der Familien Arslan und Yilmaz und dem „Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992“ entworfen hat. Das Projekt wurde natürlich umgesetzt, denn ein solches Erinnern hat Platz in dieser Stadt. Das ist auch logisch, wurde sich doch klar gegen den Rechtsruck gestellt und Antifaschismus nicht nur gewürdigt und anerkannt, sondern auch praktisch zur Grundlage für Stadtgestaltung erklärt. In dem Zuge wurde auch die Rüstungsindustrie geschlossen. Die Arbeitenden bekommen genug Grundeinkommen und können - wenn sie denn wollen - Arbeit in den vielen sozialen Einrichtungen finden. 

Die ehemaligen Werften werden zu sozialen Zentren, die von allen gestaltet werden, die Lust darauf haben. Natürlich haben sie große Strandflächen, die um die ganze Förde herum angelegt wurden. Geflüchtete Menschen finden in Kiel ein zu Hause, darauf haben sich hier alle geeinigt.

 Langsam wird es aber zu viel für neun Jahre und auch zu viel für ein Interview… Obwohl ich noch so viel sagen könnte zum Beispiel zum Thema Bildung, die natürlich bedürfnisorientiert, kostenlos, multimedial und inklusiv ist. Oder zum Thema ÖPNV, Lebensmittelversorgung und und und…

Eine Sache aber noch: Da natürlich in neun Jahren nicht alles erreicht werden kann, braucht es weiterhin Frauenhäuser und Beratungsstellen für Betroffene patriarchaler, rassistischer, antisemitischer Gewalt. Diese konnten inzwischen so gut ausgebaut werden, dass sie nicht nur die nötigsten Angebote schaffen, sondern öffentlich wirksam sind und die Stadt und das Zusammenleben der Menschen mitgestalten.

Sprich: Kiel 2030 ist eine Stadt, in der nicht einzelne über viele entscheiden, sondern in der Menschen ihr Leben selbst in die Hand genommen haben und basisdemokratisch über ihr Leben bestimmen. Solidarisches Miteinander wird gelebt.

Und unser Laden? Den brauchen wir in der Form nicht mehr, inzwischen haben wir ein großes Zentrum für den Stadtteil, in dem Menschen zusammenkommen, die Küchen für alle stattfinden, wo es Bildung und Veranstaltungen gibt usw. Hier finden aber auch weiterhin politische Diskussionen, Austausch und Pläne statt, denn in den letzten neun Jahren ist zwar viel passiert, aber es könnte doch noch so viel schöner werden…


Die Interviews der vergangenen Monate

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Kontakt

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Leiterin des Büros des Stadtpräsidenten
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Leiterin des Sachbereichs Internationales und Nachhaltigkeit
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