Was geschah in den Novembertagen 1918 in Kiel?

Ein Schlüsselereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert

Der Matrosenaufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshaven aus. Nach der Verlegung der Schiffe nach Kiel begannen hier ab dem 2. November 1918 Massendemonstrationen und Streiks. Sie führten zu einer Entmachtung der militärischen Befehlshaber durch einen Soldaten- und einen Arbeiterrat.

Der Aufstand wurde zur Weichenstellung für eine nationale Massenbewegung, die das Ende des Kriegs forderte und demokratische Alternativen zur Monarchie verlangte.

Ihr Ergebnis war die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik am 9. November 1918, ein Schlüsselereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

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Kieler Fragen im Jubiläumsjahr

Die Landeshauptstadt Kiel erinnert 2018 an dieses Ereignis gemeinsam mit vielen institutionellen Partnern.  Sie stellen Fragen, sie suchen Antworten.

Was geschah in den Novembertagen 1918 in Kiel? In Ausstellungen und Theater, Vorträgen, Publikationen und Film wird das Panorama vom Kriegsende bis zu den Anfängen der Weimarer Republik lebendig.

Von der Dolchstoßlegende bis zum Meilenstein der Demokratiegeschichte: Wie sahen Zeitgenossen und spätere Generationen den Matrosenaufstand - Matrosen und Offiziere, Arbeiter*innen und Bürger*innen, Frauen und Männer?

Und: Was bedeutet der Matrosenaufstand für unsere heutige Demokratie?


Novemberrevolution 1918 - eine Chronologie

1. November

Das III. Geschwader der Hochseeflotte erreicht von Wilhelmshaven kommend um 1.45 Uhr in der Nacht die Kiel-Holtenauer Schleuse. An Bord der Schiffe sind Einheiten, die aufgrund der Befehlsverweigerungen und Unruhen auf Schillig Reede in ihre Heimathäfen zurückkehren sollen, um die Lage in Wilhelmshaven zu entspannen.

Noch in der Schleuse werden 47 Matrosen der SMS „Markgraf“ festgenommen und interniert, die als Rädelsführer der Unruhen ausgemacht worden sind. Doch ihre Kameraden nehmen das nicht hin.

Am Abend versammeln sich etwa 250 Matrosen im Kieler Gewerkschaftshaus und fordern die Freilassung der Gefangenen. Etliche Kieler Arbeiter solidarisieren sich mit ihnen.

 
Mannschaft posiert an Bord eines Schlachtschiffs vor Geschützen
Linienschiff S.M.S. Preußen um 1914 mit mehr als 700 Mann Besatzung. Auf den Schiffen der kaiserlichen Marine lebten zum Teil mehr als 1000 Mann auf engstem Raum (Wilhelm Schäfer, Stadtarchiv Kiel 10510)

2. November

Das Gewerkschaftshaus wird von der Polizei für Soldaten gesperrt, um weitere Treffen dort zu vermeiden. Da nun kein Versammlungsort mehr zur Verfügung steht, ziehen abends mehrere hundert Matrosen durch die Stadt.

Um 19 Uhr schließlich findet eine Versammlung im Vieburger Gehölz im Süden Kiels statt. Dort fordert Karl Artelt von der I. Torpedodivision wiederum die Freilassung der Inhaftierten und ruft die Arbeiter für den Folgetag zu einer Demonstration auf.

Nach der Versammlung nehmen Vertrauensleute der Kieler USPD, darunter Lothar Popp, mit Artelt Kontakt auf, um gemeinsam den Demonstrationsaufruf unter Matrosen und Arbeitern bekannt zu machen.

3. November

Noch in der Nacht werden weitere 57 Matrosen der SMS „Markgraf“ inhaftiert und am Vormittag Straßensperren um die Arrestanstalt in der Karlstraße errichtet. Um die weitere Ausbreitung revolutionärer Unruhen zu unterbinden, fordert Gouverneur Souchon beim Reichskanzler Max von Baden einen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten an, der mit den Aufständischen verhandeln soll.

Um zu verhindern, dass sich Soldaten der geplanten Demonstration anschließen, wird Stadtalarm ausgelöst. Doch viele Matrosen halten sich nicht an den Alarm, und die über die Ereignisse nicht informierte Bevölkerung ist irritiert. Bis 18 Uhr versammeln sich etwa 6.000 Menschen, hauptsächlich Arbeiter, Matrosen und Frauen, auf dem Exerzierplatz im Vieburger Gehölz und setzen sich in Richtung Arrestanstalt in Bewegung.

Die ersten Schüsse fallen

Auf dem Weg dorthin wird das Lokal „Waldwiese“, eine Hilfskaserne, gestürmt, die dort internierten Matrosen befreit und Waffen erbeutet. Beim Marsch durch die Stadt versuchen die Demonstranten, weitere Mitstreiter zu gewinnen und stoßen schließlich in der Karlstraße auf eine Postenkette der Polizei, die sie durchbrechen.

Zum Schutz der Arrestanstalt hat Admiral Souchon im Laufe des Tages eine Ausbildungskompanie der Torpedo-Division bewaffnen lassen, die nun den Demonstranten gegenüber steht. Hier fallen die ersten Schüsse der Revolution und es entwickelt sich ein Handgemenge, in dem sieben Menschen sterben und 29 verletzt werden.

Daraufhin zerstreut sich die Demonstration und Souchon glaubt, wieder Herr der Lage zu sein, auch weil das III. Geschwader am kommenden Tag wieder auslaufen soll.

4. November

Doch bereits in der Nacht erweist sich die Einschätzung Souchons als Irrtum, es kommt zu weiteren Tumulten. Am Morgen des 4. November treten Arbeiter der Germaniawerft und der Torpedowerkstatt Friedrichsort in den Streik. Das Auslaufen des III. Geschwaders verzögert sich, sodass sich immer mehr Einheiten den Aufständischen anschließen können.

Schließlich ist Souchon gezwungen, Verhandlungen mit den Matrosen zuzustimmen. Um 15 Uhr erscheint eine vierköpfige Abordnung von Matrosen aus der Wik bei ihm, die kurz darauf durch weitere Vertreter von Matrosen und beiden Arbeiterparteien ergänzt wird.

Die Delegation fordert die Freilassung der Inhaftierten, die gerichtliche Untersuchung der Schießerei vom Vortag und das Unterlassen weiterer Flottenvorstöße gegen die Royal Navy.

Diesen Bedingungen stimmt der Gouverneur zu und erklärt gleichzeitig, dass noch am Abend zwei Gesandte aus Berlin in Kiel eintreffen sollen: Staatssekretär Conrad Haußmann und SPD-Reichstagsabgeordneter Gustav Noske. Mehrere Tausend Matrosen ziehen im Anschluss zur Arrestanstalt, wo die ersten 16 Gefangenen freigelassen werden.

Den gesamten Tag über treffen immer wieder militärische Einheiten in der Stadt ein, die eigentlich den Aufstand niederschlagen sollten, zum großen Teil aber überlaufen oder entwaffnet werden. Etwa um 18 Uhr beschließt Admiral Souchon, alle Heereseinheiten in der Stadt von ihren Posten abzuziehen und zu sammeln.

Noske trifft aus Berlin ein

Bei seiner Ankunft in Kiel wird Noske mit Begeisterung begrüßt. Die aufständischen Matrosen wähnen in dem aus Berlin gesandten Sozialdemokraten einen Verbündeten und Unterstützer, der im Sinne der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen ihre Gehorsamsverweigerung gegenüber der Admiralität gutheißt.

Doch bald wird klar, dass er weitergehende revolutionäre Forderungen nur in ganz wenigen Punkten – etwa die längst absehbare Entmachtung des Kaiserhauses – unterstützen wird und ihrem Aufstand die Spitze nimmt.

Schon in seiner ersten Rede auf dem Wilhelmsplatz kurz nach seiner Ankunft ruft Noske nur zu Ruhe und Ordnung auf. Im Anschluss beginnt gegen 21 Uhr eine weitere Verhandlungsrunde bei Souchon, bei der Noske das Vertrauen der Aufständischen gewinnt.

Daran nehmen Offiziere auf der einen Seite und Vertreter der Matrosen, der USPD und der Gewerkschaften auf der anderen Seite teil, darunter auch Karl Artelt, Gustav Garbe und Lothar Popp.

Nun stellen sie weitgehende politische Forderungen auf: Abdankung des Kaisers, freie Volksrepublik, freies Wahlrecht, auch für Frauen, Pressefreiheit, Entlassung aller Gefangenen. Im Anschluss tagen Matrosen und Arbeitervertreter die ganze Nacht im Gewerkschaftshaus.

Das Ergebnis: Sie gründen je einen Arbeiterrat und einen Soldatenrat. Und sie formulieren und veröffentlichen eine erste Anweisung, die „14 Kieler Punkte“. Sie betreffen hauptsächlich eine Neuregelung der militärischen Hierarchie.

Weitergehende politische Forderungen – die Abdankung der Hohenzollern und ein neues Wahlrecht auch für Frauen –, die Karl Artelt bereits am Mittag eingebracht hat, finden hier keine Berücksichtigung.

Die 14 Kieler Punkte entstehen

Nun stellen sie weitgehende politische Forderungen auf: Abdankung des Kaisers, freie Volksrepublik, freies Wahlrecht, auch für Frauen, Pressefreiheit, Entlassung aller Gefangenen. Im Anschluss tagen Matrosen und Arbeitervertreter die ganze Nacht im Gewerkschaftshaus.

Das Ergebnis: Sie gründen je einen Arbeiterrat und einen Soldatenrat. Und sie formulieren und veröffentlichen eine erste Anweisung, die „14 Kieler Punkte“. Sie betreffen hauptsächlich eine Neuregelung der militärischen Hierarchie.

Weitergehende politische Forderungen – die Abdankung der Hohenzollern und ein neues Wahlrecht auch für Frauen –, die Karl Artelt bereits am Mittag eingebracht hat, finden hier keine Berücksichtigung.

 
Marinestationsgebäude
Marinestationsgebäude und Sitz des Gouverneurs in der Adolfstraße 1912. Hier finden am 4. und 5. November Verhandlungen statt zwischen dem Gouverneur Wilhelm Souchon und Vertretern von Matrosen und Arbeitern (Wilhelm Schäfer, Stadtarchiv Kiel 12575)

5. November

Als weithin sichtbares Zeichen der Revolution hissen an diesem Morgen die Besatzungen auf den meisten Schiffen im Hafen die rote Flagge, nur auf wenigen Schiffen müssen sie dies gewaltsam gegen die Offiziere durchsetzen. Auf der SMS „König“ kommt es zu einer Schießerei, weil der Kommandant und seine Offiziere die Reichskriegsflagge verteidigen.

Ein Obermatrose wird vom Kapitän erschossen und auch zwei Offiziere sterben. In der Stadt kommt es im Laufe des Tages immer wieder zu kleineren Schießereien ebenso wie zu zahlreichen Gerüchten, die die Bevölkerung irritieren; sie verhält sich weitgehend interessiert-passiv.

Erst nach und nach kann die Ordnung wiederhergestellt werden. Noch am Abend flieht Prinz Heinrich aus seiner Residenz, dem Kieler Schloss, auf dem die Matrosen ebenfalls die Rote Fahne gehisst haben, und zieht sich auf sein Gut Hemmelmark bei Eckernförde zurück.

Fast zeitgleich kommt es zu einer Bluttat, als sich der Stadtkommandant Kapitän zur See Wilhelm Heine seiner Verhaftung durch revolutionäre Matrosen widersetzt. Heine wird unter nicht geklärten Umständen erschossen.

Soldaten und Arbeiter schließen sich zusammen

Auf den Schiffen und in verschiedenen Einheiten bilden sich Soldatenräte, die sich zusammenschließen und einen zentralen Soldatenrat gründen, dessen Vorsitz nun Noske übernimmt. Der zentrale Arbeiterrat unter der Führung von Gustav Garbe unterstellt sich die zivilen Behörden der Stadt und entsendet zu deren Kontrolle sogenannte Beigeordnete.

Ihre wichtigste Aufgabe ist es, eine gerechte Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Noske versucht weiterhin mäßigend auf die Aufständischen einzuwirken und schafft es, die politisch unerfahrenen Mitglieder von Arbeiter- und Soldatenrat zu kontrollieren.

Die aufständischen Kieler Matrosen sind keine homogene Masse mit gleicher politischer Zielrichtung; unter ihnen sind Anhänger der USPD und der MSPD ebenso parteipolitisch nicht festgelegte, eher spontan agierende Männer.

Zwar haben sich die Kieler Matrosen nach russischem Vorbild schnell in Räten organisiert, diese verlieren jedoch durch die Wahl Noskes zum Vorsitzenden ihre revolutionäre Stoßkraft. Es zeigt sich, dass die MSPD ein hohes Vertrauen bei Matrosen und Arbeitern besitzt und die radikaleren Vertreter der USPD zwar für einige Tage die Initiative bestimmen, aber tatsächlich keine Mehrheit für ihren Kurs haben.

 
Erinnerungsfoto revolutionärer Matrosen
Revolutionäre Matrosen lassen bei einem Kieler Fotografen ein Erinnerungsfoto schießen: „Hoch lebe die Freiheit, 5. Nov. 1918“ (Anton Busch, Eigentum Kay Zimmer)

7. November

Nach eingehenden Verhandlungen übernimmt Noske das Amt des Gouverneurs von Admiral Souchon, sodass erstmals ein Zivilist einen solchen Posten innehat. Lothar Popp folgt ihm als Vorsitzender des Soldatenrates.

Den aufflammenden Machtkampf zwischen diesen beiden kann Noske für sich entscheiden, da er einen großen Teil der in Kiel stationierten Soldaten beurlaubt und damit die Machtbasis des Soldatenrates erheblich schwächt.

So gelingt es ihm auch, die Ausrufung einer Republik Schleswig-Holstein zu unterbinden. Stattdessen wird eine provisorische Regierung für die Provinz ausgerufen.

In Kiel selber beruhigt sich die Lage zusehends, der Schwerpunkt der Ereignisse verschiebt sich nach Berlin, weil in diesen Tagen viele revolutionäre Matrosen aus Kiel in andere Städte fahren, um dort ebenfalls Soldatenräte zu gründen und ihre Forderungen durchzusetzen.

10. November

Die Einheiten des III. Geschwaders kehren aus Travemünde in ihren Heimathafen Kiel zurück. Da nun die Bedingungen der Kriegsgegner für den Waffenstillstand langsam bekannt werden, beginnt umgehend die geforderte Abrüstung von Schiffen und U-Booten.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung werden die zivilen Opfer der Revolution auf dem Eichhoffriedhof beigesetzt. Der Trauerzug und die Kundgebungen wachsen zur größten Demonstration der Kieler Novemberereignisse an.

Die Bestattung der gefallenen Matrosen folgt am 11. November auf dem Nordfriedhof, während die drei erschossenen Offiziere auswärts beigesetzt werden.

 
Kundgebung auf dem Wilhelmplat am 10. November 1918.
Kundgebung auf dem Wilhelmplatz am 10. November 1918. Am selben Tag werden die Toten vom 3. November auf dem Eichhof zu Grabe getragen (Ernst Meyer zugeschrieben, Stadtarchiv Kiel 68287)