Falken im Rathausturm
Kiel macht sich stark für den Klima- und Umweltschutz. Dazu gehört auch der Artenschutz. Und der findet unter anderem im Rathausturm statt. Denn dort befindet sich ein Falkennistkasten. Dank unserer Webcam haben Sie die Möglichkeit, live am Familienleben der Falken teilzunehmen - tagsüber in Farbe, nachts mit Infrarotlicht.
Einblicke - Turmfalken im Rathausturm
Liebe Falkeninteressierte,
eine außergewöhnliche Brutsaison ist nun vorbei. Warum sie so außergewöhnlich war, lesen Sie hier.
Insgesamt konnten wir über 70.000 Klicks auf dieser Seite verzeichnen. Vielen Dank für Ihr Interesse und die Zuschriften, die wir auch weiterhin gerne beantworten.
Inzwischen haben Tauben den Nistkasten besetzt. Es ei ihnen gegönnt.
Wir werden die Liveübertragung noch eine Weile laufen lassen. Im Laufe des Septembers schalten wir dann wieder ein Video online, in dem Sie die Brutsaison 2026 noch einmal im Schnelldurchlauf miterleben können.
2026 war ein turbulentes Jahr im Nistkasten des Kieler Rathausturmes. Dabei begann alles, wie in den Jahren zuvor.
Ende März März bezog das Turmfalkenweibchen den Nistkasten. Sie bereitete die Nistmulde vor und am 27. April legte sie das erste Ei.
Einen Tag später versuchte ein anderes Weibchen den Nistkasten zu übernehmen und es kam zu einem heftigen Revierkampf, den "unser" Weibchen für sich entscheiden konnte. Solche Revierkämpfe sind nicht ungewöhnlich. Der Konkurrenzdruck ist unter anderem auch auf schwindende Nistmöglichkeiten – nicht nur für Turmfalken – zurückzuführen. Immer mehr Höhlenbäume verschwinden und Nischen an Gebäuden werden verschlossen – und fehlen als Niststätten.
Bis zum 5. Mai folgten vier weitere Eier und das ersten beiden Küken schlüpften am 30. Mai. Soweit schien alles in Ordnung. Bis wir nach etwa 14 Tagen etwas ungewöhnliches bemerkten. Das Weibchen kümmerte sich nicht wie üblich um die Küken, verließ oft den Nistkasten und blieb auch über Nacht nicht dort. Normalerweise bringt der Terzel - also der männlich Falke - die Beute, die dann vom Weibchen zerteilt und an die Küken verfüttert wird. Dies tat sie immer weniger. Der Terzel legte die Beute im Kasten ab und flog dann erneut auf Jagd. Während die beiden älteren Küken die Beute bereits selbst aufbrechen - also zerteilen - konnten, waren die drei jüngeren dazu noch nicht in der Lage.
Aufgrund der Beobachtungen der vergangenen Wochen und Monate lag die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Weibchen im Kasten nicht um das sogenannte Brutweibchen - also das Weibchen, das die Eier gelegt hat -handelte. Dafür sprach unter anderem der Revierkampf Ende April aber auch die Tatsache, dass sich in diesem Jahr bis Mitte Juni stets drei erwachsenen Falken am Turm aufhielten. Eine solche Übernahme durch ein fremdes Weibchen ist bei Falken ebenfalls nicht ungewöhnlich. Vielleicht hatte sie in diesem Jahr keinen Partner oder Nistplatz gefunden und der Brutdrang war so groß, dass sie das andere Weibchen verteiben hat.
Jedenfalls entschieden wir uns nach intensiver Beobachtung, reiflicher Überlegung sowie mit fachlicher Unterstützung durch einen Greifvogelexperten der AG Wanderfalkenschutz Schleswig-Holstein dazu, die drei jüngsten Küken am 19. Juni aus dem Nistkasten zu entnehmen.
Glücklicherweise erklärte sich das Wildtierheim Preetz bereit, die drei in ihre Obhut zu nehmen und aufzupäppeln. Nach gut zwei Wochen haben wir die drei inzwischen sichtlich gut entwickelten Jungfalken wieder in den Nistkasten zurückgebracht.
Und noch eine Besonderheit konnten wir in diesem Jahr beobachten: Statt unserer fünf Jungfalken befanden sich auf einmal bis zu neun junge Falken im Nistkasten. Wo kamen die denn her? Auch das ist nicht außergewöhnlich, kann allerdings nicht oft live beobachtet werden. Bei ihren ersten Flügen treffen die Jungfalken auf andere junge Falken und schließen sich zu Gruppen zu sammen. Un da der Nistkasten viel Platz bietet ... "hängen sie zusammen ab" - würden wir Menschen sagen.
Die Brutsaison 2026 war außergewöhnlich, anstrengend für alle Beteiligten aber auch sehr lehrreich.
Sie haben Fragen zum Nistkasten? Hier sind die Antworten
Auch am Rathausturm kommt es immer wieder zu Revierkämpfen, bei denen Falkenpaare umd Nistplätze konkurrieren. Generell sind solche Kämpfe nicht ungewöhnlich und Teil der Natur, nehmen aber nach unseren beobachten in letzter Zeit zu.
Dieser Konkurrenzdruck ist unter anderem auch auf schwindende Nistmöglichkeiten – nicht nur für Turmfalken – zurückzuführen. Immer mehr Höhlenbäume verschwinden und Nischen an Gebäuden werden verschlossen – und fehlen als Niststätten. Aber wir Menschen können helfen. Falls Sie die Möglichkeit haben, einen Nistkasten möglichst hoch oben an einem Gebäude anzubringen und handwerklich geschickt sind, können Sie für relativ kleines Geld selbst einen solchen Kasten anfertigen.
Tun Sie dies natürlich nicht ohne Erlaubnis der Gebäudeeigentümer*innen. Aber vielleicht können Sie diese ebenfalls von der Notwendigkeit einer Nisthilfe überzeugen.
Eine Bauanleitung des NABU finden Sie hier.
Auch der Regionalverband Südlicher Oberrhein des BUND hat eine Bauanleitung veröffentlicht.
Der Kasten sollte größerer Höhe angebracht werden. Bringen Sie sich daher beim Anbringen des Kastens nicht selbst in Gefahr und lassen sich von geschulten Menschen helfen!
Und falls Ihre Geschicke weniger dem Handwerklichen zuzuordnen sind: Sie können einfache Kästen schon für einen überschaubaren Preis käuflich erwerben. Aber achten Sie darauf, dass diese von Umwelt- und Naturschutzfachverbänden empfohlen werden.
Revierkämpfe wird es auch weiterhin geben – sie sind Teil der Natur. Aber wir können mit unserer Unterstützung dazu beitragen, dass mehr Falken einen Platz zur Aufzucht ihrer Jungen finden.
Der Nistkasten im Kieler Rathausturm wird seit 2016 regelmäßig von Falken als Brutplatz genutzt. Von 2016 bis 2021 von Wanderfalken. Ab 2022 von Turmfalken.
Das lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Falken sind in der Regel ortstreu, das heißt sie kehren in jedem Jahr zu ihrem Nistplatz aus den Vorjahren zurück.
Es kann aber auch sein, dass ein anderes Paar den Nistkasten übernimmt. Revierkämpfe sind - auch aufgrund schwindender Nistmöglichkeiten - üblich. Es ist auch möglich, dass eines der Elterntiere verstirbt. Dann suchen sich die verbliebenen Partner oft neue Reviere.
Von 2016 bis 2021 beispielsweise brüteten Wanderfalken im Nistkasten. 2022 verschwand das Paar spurlos.
Es ist also nicht sicher, dass der Nistkasten in jedem Jahr von demselben Paar genutzt wird.
Das lässt sich nicht genau festlegen. Viele Faktoren können diesbezüglich Einfluss nehmen. In der Regel beginnen die Weibchen zwischen März und April mit der Eiablage. Es ist aber auch möglich, dass das Weibchen erst im Mai oder später mit der Eiablage beginnt.
Die Eier werden im Abstand von zwei bis drei Tagen gelegt. Eine Gelege kann aus bis zu fünf, manchmal auch sechs Eiern bestehen.
Der eigentliche Brutvorgang beginnt erst mit dem letzten Ei. Vorher werden die Eier lediglich warmgehalten. Ist das letzte Ei gelegt, erhöht das Weibchen ihre Körpertemperatur für den Brutvorgang. Erst dann beginnt die embryonale Entwicklung der Küken. So ist gewährleistet, dass die Küken nach drei bis vier Wochenfast gleichzeitig schlüpfen.
Der Terzel ist übrigens nicht in der Lage zu brüten. Er kann die Eier lediglich warm halten, was auch als "hudern" bezeichnet wird.
Die jungen Falken werden sehr schnell groß. Nach vier bis fünf Wochen sind sie bereits flügge. Dann bleiben sie inder Regel noch einige Wochen in der Nähe des Nistkastens bevor sie das Revier endgültig verlassen (müssen).
Nein. Die Kamera filmt mit Infrarotlicht. Dieses Licht können die Falken nicht wahrnehmen und wird daher auch nicht als Störung empfunden.
Der Nistkasten im Rathausturm wird einmal im Jahr gereinigt. In der Regel im Dezember oder Januar.
Bei der Reinigung wird darauf geachtet, dass sich über einen Zeitraum von mehreren Tagen keine Falken in der Umgebung des Turmes aufhalten, um diese nicht zu verscheuchen, da männliche Falken (Terzel) bereits im Winter mit der Nistplatzsuche beginnen. Als sogenannte brutplatztreue Art besetzen sie oft die Plätze aus dem Vorjahr. Zum Jahresanfang locken die Terzel die Weibchen dann zum ausgewählten Nistplatz. Wird dieser vom Weibchen angenommen, beginnt im Frühjahr die Balz.
Das alte Häckseleinstreu und verhärtete "Hinterlassenschaften" der Falken werden entfernt. Der Kasten wird dann gründlich ausgefegt und neues Häckselstreu verteilt. Auch die Kamera wird bei der Gelegenheit geputzt und gegebenenfalls neu justiert.
Falken bauen keine eigenen Nester und beziehen in der Natur verlassenen Krähennester oder Felsen zur Brut. Dass diese vorher von anderen Vögerln genutzt wurden, stört die Falken nicht. So verhält es sich auch im Nistkasten.
Dass Tauben oder andere Vögel den Kasten "zwischenutzen" ist nicht vermeidbar, stellt aber keinen Nachteil dar, da die Falken selbst auch nicht "stubenrein" sind.
Falken gehören gemäß Bundesnaturschutzgesetz, wie alle Greifvögel, zu den besonders geschützten Arten. Demnach gelten für sie unter anderem die Normen des § 44 BNatSchG. Demnach dürfen Fortpflanzungsstätten, bei denen eine regelmäßige Nutzung – auch bei winterlicher Abwesenheit – zu erwarten ist, nicht beeinträchtigt oder entfernt werden. Ein Verschließen des Nistkastens würde eine solche Beeinträchtigung darstellen.
Darüberhinaus konnte beobachtet werden, dass der Terzel den Nistkasten im Winter gerne für ein kurzes Schläfchen nutzt. Dies sei ihm gegönnt.
Tritt dieses Verhalten an sehr warmen oder heißen Tagen auf sind die Tiere nicht krank. Ihnen ist sehr warm und sie versuchen, mit diesem Verhalten ihre Körpertemperatur zu regulieren. Denn Vögel können, anders als wir Menschen, nicht schwitzen.
Sprechen können sie nicht, aber sie können sich untereinander durch verschiedene Laute verständigen. Hören Sie einmal ganz genau hin. Im Videofenster haben Sie ja die Möglichkeit, den Ton ein- oder auszuschalten. Die Alttiere kommunizieren mit keckernden Lauten untereinander und mit ihren Küken. Wenn Sie die Falken etwas länger - auch außerhalb des Nistkastens - beobachten, werden Sie im Laufe der Zeit zum Beispiel Warnrufe von anderen Rufen unterscheiden können
Bei den Küken kann man eher ein Leisen piepen vernehmen. Sie machen damit ihre Eltern darauf aufmerksam, dass ihnen kalt ist oder sie hungrig sind.
Falken legen in der Regel drei bis vier Eier. Manchmal können es auch fünf oder sechs werden. Der Körper des Weibchens ist zu klein, um vier Eier gleichzeitig zu entwickeln. Daher legt das Weibchen zunächst ein Ei, das sie allerdings noch nicht bebrütet, sondern nur warm hält. Sie verlässt gelegentlich auch das Gelege. Das ist nicht weiter schlimm, da die embryonale Entwicklung der Küken gestoppt ist und erst mit der Ablage des letzten Eies fortgesetzt wird.
Das Weibchen legt im Abstand von zwei bis drei Tagen weitere Eier. Ist das letzte Ei gelegt, erhöht sie durch hormonelle Veränderungen in ihrem Organismus ihre Körpertemperatur und der eigentliche Brutprozess beginnt. Nach circa drei Wochen schlüpfen die Küken relativ zeitgleich. Manchmal bleiben auch ein oder zwei unbefruchtete Eier übrig.
Kleiner Steckbrief: Der Turmfalke
Turmfalken (lateinisch Falco tinnunculus) haben sich hervorragend an das Leben in Siedlungsräumen angepasst, wie auch schon ihr deutscher Name belegt. Ursprünglich nisteten Turmfalken in alten Baumhöhlen. 2007 war der Turmfalke Vogel des Jahres. Der Bestand wird auf circa 55.000 Paare geschätzt.
Die durchschnittliche Körperlänge der männlichen Turmfalken (auch "Terzel" genannt) beträgt etwa 34 Zentimeter, bei den Weibchen circa 36 Zentimeter. Das Männchen weist eine Flügelspannweite von etwa 75 Zentimetern auf, beim Weibchen sind es etwa 76 Zentimeter.
Unterscheiden lassen sich die Geschlechter auch durch die Kopffärbung. Beim Männchen ist der Kopf grau, beim Weibchen rotbraun-gebändert.
Charakterisch für den Turmfalken ist der sogenannte “Rüttelflug”, bei dem der Vogel ohne Vorwärtsbewegung im Flug auf einer Stelle bleibt, um Beute - in der Regel Kleinnagetiere, wie zum Beispiel Mäuse oder Ratten - zu suchen und sich von dort aus auf sie zu stürzen.
Quellen:
2016 bis 2021: Wanderfalken zu Gast im Rathausturm
Von 2016 bis 2021 zog ein Wanderfalkenpaar insgesamt zehn Jungtiere dieser seltenen Falkenart auf.
Wissenswertes über Wanderfalken
Der Wanderfalke (Falco peregrinus) ist mit einer Körperlänge von 50 Zentimetern, einer Flügelspannweite von etwa 115 Zentimetern und einem Gewicht von 1.100 bis 1.300 Gramm die zweitgrößte Falkenart.
Typisch für Wanderfalken ist das schwarz-weiß gebänderte Brust- und das dunkelgrau-blau gefärbte Rückengefieder. Die schwarzen Backenstreifen sind bei jedem Tier anders ausgeprägt und machen sie daher wiedererkennbar. Die Jungvögel haben ein braunes Brustgefieder mit schwarzen Bändern beziehungsweise “Tropfen”. Im Vergleich zu den Alttieren verläuft die Bänderung nicht quer sondern längs. Auch sind die Backenstreifen deutlich schmaler.
Von Natur aus bauen die scheuen Greifvögel keine eigenen Nester, sondern brüten auf Felsen, auf Bäumen (überwiegend in Nestern von Krähen), hohen Gebäuden, Türmen und Schornsteinen und auf den unbewohnten Inseln der Nordsee sogar auf dem Erdoden.
Der Wanderfalke ist das schnellste Lebewesen der Welt. Bei der Jagd stürzt er sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenilometern auf ihre Beute - vornehmlich Vögel.
Diese Eigenschaften schützen die Wanderfalken allerdings nicht davor, Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre beinahe auszusterben. Der Einsatz von Pestiziden wie DDT ließ die Eierschalen dünn werden, so dass sie direkt nach der Eiablage zerbrachen. Die Entnahme von Eiern und Jungtieren aus den Nestern sowie der Schwund des natürlichen Lebensraumes taten ihr Übriges, um den Bestand zu dezimieren. 1975 gab es schätzungsweise nur noch 50 Brutpaare vorwiegend in Süddeutschland.
Dank strenger Schutzmaßnahmen konnte sich der Bestand erholen, so dass die Art von der Roten Liste gestrichen wurde, ist aber mit geschätzten 1.000 Brutpaaren in Deutschland noch sehr fragil.
Der Nistkasten im Rathausturm wird seit vielen Jahren ehrenamtlich von Mitgliedern der AG Wanderfalkenschutz Schleswig-Holstein betreut, die den Kasten nach erfolgter Brut und Ausflug der Jungvögel inspizieren, säubern, aber auch "abgestürzte" Jungvögel wieder zurück auf den Turm bringen. Ziel der AG ist es, den Bestand der in Schleswig-Holstein immer noch seltenen Wanderfalken durch das Aufstellen von Nistkästen zu Stabilisieren und weiter auszubauen.
Quellen
Helen MacDonald: Falke - Biographie eines Räubers; C.H.Beck-Verlag
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